Archiv für den Monat Februar 2015

Pflügen im Karst

Ein ungewöhnlicher Gottesdienst mit „Wüstenerfahrungen“
in der neuen Friedenskirche

Die neue Friedenskirche: leer. Stühle an einigen Orten im Kirchenraum zu bizarren Hügeln aufgetürmt, bis unter die Bögen der Seitengewölbe.

IMG_6563So sah es aus am vergangenen Sonntagnachmittag zum Beginn des ersten von insgesamt drei Gottesdiensten, die besondere Raumerfahrungen im renovierten Kirchenraum der Friedensgemeinde ermöglichen sollen. Alles anders. Schon am Eingang. Die Gottesdienstbesucher werden gebeten, sich oben auf der Empore zu versammeln, unter dem großen Glasfenster des guten Hirten. In einem Umschlag erhält jede und jeder eine Karte, darauf ein Satz der evangelischen Theologin Dorothee Sölle. Gleichsam das Motto für diesen Gottesdienst:

„Leer werden – es ist sehr schön, das zu lernen. So wie Jesus manchmal allein sein musste und in die Wüste ging, um zu fasten und zu beten, so können und sollen auch wir zu uns selber kommen und uns nicht verzehren lassen. Dann aber werden wir wieder zurückgehen in eine wirkliche Gemeinschaft der Glaubenden und darin arbeiten und leben.“ (aus: D. Sölle, Erinnert euch an den Regenbogen.)

Geheimnisvolle und eigentümlich karge Klänge der Orgel, intoniert von Kantor Michael Braatz, erfüllten den Kirchenraum, schufen eine Atmosphäre existentieller Intensität. Johann Sebastian Bachs selten gehörtes Stück „Erbarm dich mein, o Herre Gott“ führte die Gottesdienstbesucher aus ihrer eigenen Welt hinein in die Wüste.

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Zu allen Jahrhunderten sind Menschen in die Wüste gegangen. Die jüdischen Propheten. Die ersten Mönche des Christentums. Schriftsteller der Neuzeit. Und immer wieder wird die Wüste zum „Ort der Erkenntnis“. Am Beginn der Fastenzeit konnten die Gottesdienstbesucher deshalb Erfahrungen von Wüste und Leere im eigenen Leben nachspüren. Karstiger Boden erfordert oft besondere Lebensanstrengungen. Es ist wie ein Lebensgesetz, formuliert von dem libyschen Schriftsteller Ibrahim Al Koni:

Gott sandte den Menschen hinaus in die Wüste, damit er zur Erkenntnis gelange.

Das gilt auch für den Propheten Elia, dessen Geschichte im ersten Buch der Könige in der hebräischen Bibel berichtet wird. Er flieht in die Wüste. Dort ereilt ihn ein tiefer Lebenszweifel. Aber gerade dort macht er die wunderbare Erfahrung einer lebensrettenden Hilfe. Zweimal fordert ihn eine Stimme auf, sich nicht aufzugeben. „Steh auf! Iss!“ Geröstetes Brot und ein Krug Wasser stehen bereit.

IMG_6565So war es auch am Sonntag in diesem besonderen Gottesdienst in der Friedenskirche. Die Gottesdienstgemeinde wanderte in die Wüste, in den leeren Kirchenraum, lagerte sich dort auf dem Boden des Seitenschiffes, zwischen den karstigen Stuhlhügeln. Zweimal hörte sie die Aufforderung: esst und trinkt! Geröstetes Brot und Krüge voll Wasser standen bereit. Eine heilsame Lebensstärkung auf dem Weg. Der Percussionist Thorsten Gellings erfüllte den Kirchenraum mit wüstenhaft-karstigen Klängen. Die Gemeinde ermutigte sich singend:

Gott, du bist die Quelle des Lebens,
von deinem Wasser trinken wir,
denn wir dürsten stets nach dir.

Texte des französischen Schriftstellers Antoine de Saint Exupery fassten die Wüstenerfahrung in berührende Worte:

„…denn ich lag mit ausgebreiteten Armen rücklings auf einem Dünengrat und sah ins Sterngewimmel. … Ich fand keine Wurzel, an die ich mich klammern konnte, und kein Dach und kein Zweig zwischen diesem Abgrund und mir. … Aber ich fiel nicht. Ich fühlte mich vom Kopf bis zu den Zehen mit unzählbaren Banden der Erde verknüpft. … Ich war verloren in der Wüste und furchtbar bedroht, nackt zwischen Sand und Sternen, fern von meinem Leben einem Übermaß an Stille ausgeliefert. … Und dennoch durfte ich entdecken, wie reich an Träumen ich war…“

Der hebräische Prophet Elia wird von seinem Gott auf den Berg Horeb geschickt. Und so stieg auch die Friedensgemeinde auf einen Berg. Den Berg der neuen Stufenanlage. Begleitet von Peter Handkes Schilderung einer Wanderung im karstigen Gebirge:

„Obwohl die Ebene unten noch nah ist, herrscht auf dem Plateau eine Stille, als seist du schon weit draußen auf dem Meer. … So still ist es, dass du das Rascheln hörst, wenn ein Falter mit seinen Flügeln, einer fallenden Blüte nachjagend, den Grund streift. … Stunden, Tage, Jahre später stehst du vor einem weissblühenden wilden Kirschbaum, in der einen Blüte eine Biene, in der zweiten eine Hummel, in der dritten eine Fliege, in der vierten ein paar Ameisen, in der fünften ein Käfer, auf der sechsten ein Schmetterling. … Nicht aus der Welt wirst du gewesen sein, sondern einmal ganz hiesig.“

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Fotos: Armin Schäfer, AAg

Der Berg wird für Elia zum Ort der Begegnung mit Gott. Gott erscheint ihm nicht mit Getöse und Feuersbrunst, sondern in der Stille. In einem „feinen leichten Säuseln“.

Was löst die Erfahrung eines wüstenhaft leeren Kirchenraums aus? Die Gottesdienstbesucher tauschten sich darüber in einem „Bibliolog“ aus.  Die Wüste ist tatsächlich ein Ort zum Bleiben. Es drängt einen gar nicht, diesen vorgeblich „lebensfeindlichen Ort“ zu fliehen. Die Wüste: Ein Ort der Stille. Ein Ort zum Innehalten. Ein Ort, um zu sich zu kommen.

Und dann wird Elia, der Prophet, von Gott wieder zurückgeschickt. Wieder zurück in die Wüste, wieder zurück an seinen Ort in der Welt. Also brachen auch die Gottesdienstbesucher wieder auf, hinunter vom Berg, in den Kirchenraum, den Ort der Wüste, und von dort, als Gesegnete, wieder hinaus in die Welt, in die Stadt, den Stadtteil, das zu Hause.

Aber dies nicht ohne ein gutes Wort für den Weg. Beim Hinuntergehen von der Stufenanlage konnte jede und jeder das Zitat von Friedrich Hölderlin „abschreiten“, das in die Stufen eingeprägt ist. Und sich ansprechen lassen von einem Gedanken, einem Satz, vielleicht einem einzelnen Wort:

und nur der liebe gesetz
gilt von hier an bis zum himmel
viel hat von morgen erfahren der mensch
bald aber sind wir gesang

 

(Den nächsten Gottesdienst in dieser Reihe „kreuz.weg.wandel“ feiert die Evangelische Friedensgemeinde am Gründonnerstag. Das Thema: „Feiern im Zweifel“. Mahlerfahrung als Quelle gemeinschaftlichen Lebens.
Am 2. April, abends um 19 Uhr in der neuen Friedenskirche.)

„Du bist schön!“ – Andachtsreihe in der Fastenzeit

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Wie schon in den vergangenen Jahren lädt die Friedensgemeinde in der Passionszeit zu abendlichen Kurzandachten ein.

Jeweils mittwochs um 19 Uhr haben Sie Gelegenheit, für etwa 20 Minuten zur Ruhe zu kommen, auf ein gutes Wort zu hören, einen biblischen Text zu bedenken, gemeinsam mit anderen zu singen, still zu werden, zu beten.

Als thematischer Faden dient uns auch in diesem Jahr wieder das Motto der evangelischen Fastenaktion „Sieben Wochen ohne“. In diesem Jahr heißt es „Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen“.

Wir feiern diese Andachten in ökumenischer Gemeinschaft mit der St. Vitus-Gemeinde.

Die Andachtsreihe beginnt am Aschermittwoch um 19 Uhr in der St. Vitus-Kirche. Danach jeweils mittwochs um 19 Uhr in der Friedenskirche.

Pfarrstelle zu besetzen – wie es jetzt weiter geht

Zum 1. Februar 2015 hat Pfarrerin Monika Hautzinger die Friedensgemeinde verlassen. Sie hat neue Aufgaben im Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe und in einer Gemeinde in Mannheim übernommen. Nun ist ihre Pfarrstelle in der Friedensgemeinde neu zu besetzen.

Der Ältestenkreis hat – aufbauend auf den während einer Klausur im November beschlossenen Zielen für die Gemeindearbeit – in den vergangenen Wochen über eine Profilierung der beiden Pfarrstellen in der Friedensgemeinde beraten. Diese wurde kürzlich auch im Gemeindebeirat vorgestellt und diskutiert.

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In der Friedensgemeinde ist eine Pfarrstelle neu zu besetzen.

In seiner letzten Sitzung hat der Ältestenkreis in Anwesenheit von Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug und dem Vorsitzenden der Gemeindeversammlung, Peter Heesch, über das weitere Verfahren entschieden.

Zur Diskussion stand, ob die Pfarrstelle ausgeschrieben wird, so dass sich mehrere Kandidatinnen und Kandidaten bewerben können, oder ob die Gemeinde auf eine Ausschreibung verzichtet und statt dessen den Evangelischen Oberkirchenrat um eine Besetzung der Stelle bittet. Nach ausführlicher Diskussion hat sich der Ältestenkreis entschieden, auf eine Ausschreibung der Pfarrstelle zu verzichten.

Wie geht es nun weiter?

Als nächstes hat nun die Gemeindeversammlung das Wort. Sie wird baldmöglichst zusammenkommen. Die Gemeinde soll informiert werden über das weitere Besetzungsverfahren. Der Ältestenkreis wird die Ergebnisse der Ziele-Klausur vorstellen und die daraus abgeleiteten Überlegungen für die Profilierung der Pfarrstellen in der Friedensgemeinde. Die Gemeindeversammlung soll dann die Erwartungen und Anforderungen an einen Nachfolger auf der zweiten Pfarrstelle diskutieren und erörtern.

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Die Gemeindeversammlung wird die anstehende Besetzung erörtern.

Der Termin für diese Gemeindeversammlung steht bereits fest:

Sie findet statt am Sonntag, 1. März unmittelbar im Anschluss an den Gottesdienst.

Die Ergebnisse dieser Beratungen wird der Ältestenkreis dann zusammenfassen und über die Dekanin an den Evangelischen Oberkirchenrat weiterleiten.

Der EOK wird gebeten, eine den Anforderungen entsprechende Kandidatin oder einen Kandidaten vorzuschlagen.
Die vorgeschlagene Bewerberin bzw. der vorgeschlagene Bewerber wird sich dem Ältestenkreis vorstellen. Die Ältesten müssen der Besetzung durch die Bewerberin / den Bewerber zustimmen oder um einen neuen Besetzungsvorschlag bitten. Wenn der Ältestenkreis dem Besetzungsvorschlag zugestimmt hat, wird sich der Bewerber / die Bewerberin der Gemeinde vorstellen.
Es besteht also Hoffnung, dass die zweite Pfarrstelle der Friedensgemeinde baldmöglichst wieder besetzt werden kann.

Wenn Sie sich auch am Austausch über Erwartungen und Wünsche an die neue Pfarrerin oder den neuen Pfarrer beteiligen möchten, dann nutzen Sie doch die Kommentarfunktion hier im Blog. Schreiben Sie uns, was Sie sich wünschen. Und wieder andere können darauf eingehen, eigene Wünsche notieren oder vorher gesagtes kommentieren. Es wäre schön, wenn wir auch in diesem Medium ein lebendiges Gespräch beginnen könnten.

kreuz.weg.wandel – Die Friedenskirche neu erleben

Die neue Friedenskirche ist vielfach im Gespräch als Raum der vielen Möglichkeiten, ebenso aber auch als Raum, der viele Sehnsüchte freisetzt, zum Beispiel die Sehnsucht nach Hören, nach Konzentration auf das Kreuz, nach gemeinsamen Gesang, nach Begegnung.

Friedenskirche bestuhlt-006Seit der Wiedereinweihung im Jahr 2012 wurden viele unterschiedliche Raumerfahrungen gemacht. Aber es stellen sich immer wieder auch Fragen an den Raum. Die Menschen in der Friedensgemeinde erleben, dass der renovierte Kirchenraum ganz neue und andere Formen von Gottesdiensten, Konzerten etc. ermöglicht. Aber es gibt auch kritische Stimmen, die beispielsweise das Kreuz in der Kirche suchen.

Unter dem Titel „kreuz.weg.wandel“ beginnt im Februar kleine Reihe von Gottesdiensten und Vorträgen, die sich dem Themenkreis „Raum und Spiritualität“ auf ganz unterschiedliche Weise widmen. Besondere Raumerfahrungen ermöglichen drei besondere Gottesdienste. Drei Vorträge gehen in spiritueller, exegetischer und gestalttheoretischer Perspektive auf das Thema Kreuz und Kirche ein.

Zu allen Veranstaltungen sind Sie sehr herzlich eingeladen!

Sonntag, 22. Februar 2015 um 17:00 Uhr
„Pflügen im Karst“ –
Wüstenerfahrung als Quelle persönlichen Glaubens.
Ein Gottesdienst zum Beginn der Fastenzeit

Donnerstag, 26. Februar 2015 um 19:30 Uhr
Vortrag von Prof. Dr. Fulbert Steffensky, Luzern (CH)
„Kirchen als Agenten des gesellschaftlichen Wandels“

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Mittwoch, 11. März 2015 um 19:30 Uhr
Vortrag von Prof. Dr. Gerd Theißen, Heidelberg
„Das Kreuz Jesu – Sühnetod und Ärgernis. Seine Deutung damals und heute“

Donnerstag, 2. April 2015 um 19:00 Uhr
„Feiern im Zweifel“
Mahlerfahrung als Quelle gemeinschaftlichen Lebens.
Ein Gottesdienst zum Gründonnerstag

 

Mittwoch, 17. Juni um 19:30 Uhr
Vortrag von Prof. Dr. Hans-Günter Heimbrock, Frankfurt
„Das Kreuz – Gestalt, Wirkung, Deutung“

Mittwoch, 18. November 2015 um 19:00 Uhr
„Stehen im Kreuz“ –
Umkehrerfahrung als Quelle gesellschaftlichen Wandels.
Ein Gottesdienst zum Buß- und Bettag.

Alle Veranstaltungen finden statt in der Friedenskirche, An der Tiefburg 10, 69121 Heidelberg.

 

 

 

 

Auf dem letzten Weg nicht allein – Trauerbegleiter gesucht

Den letzten Weg geht jeder Mensch allein, heißt es oft. Seit einigen Jahren wird dieser Satz auf ganz eigene Weise traurige Realität. Ein neues Projekt soll hier Abhilfe schaffen. Dafür werden ehrenamtlich Engagierte gesucht.

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Es ist ein neuer Trend der vergangenen Jahre: Es steigt die Zahl von Trauerfeiern auf Heidelberger Friedhöfen, bei denen nur wenige oder gar keine Angehörigen dabei sind.

Eine Initiative des Beirats für Kirchenmusik möchte versuchen, hier zu helfen.

 

Gesucht werden Ehrenamtliche aus dem gesamten Kirchenbezirk, die sich bereit erklären, zu solchen Feiern zu kommen und so den Verstorbenen und die wenigen Angehörigen auf dem letzten Weg zu begleiten. Wer sich prinzipiell zu diesem Engagement bereit erklärt, wird gegebenenfalls per Rundmail benachrichtigt.

106_4604_RGBDurch ihre Anwesenheit sorgen die ehrenamtlichen Trauerbegleiter dafür, dass Gemeindegesang möglich ist, dass die Angehörigen nicht gar so „verloren“ in der Kapelle sitzen und dass die Beerdigung einen würdigen Rahmen hat. Das Singen ist seit jeher wichtiger und trostspendender Bestandteil christlicher Bestattungen. Oft sehen sich Angehörige aber außer Stande, in ihrer Trauer selbst ein Lied anzustimmen. Hier hilft eine kleine Gruppe von Menschen, die den Trauernden den Rücken stärkt.
Am kommenden Samstag, 14. Februar treffen sich um 15 Uhr Interessierte zu einem Informationsgespräch im Chorsaal an der Friedenskirche.

 

Wer gerne mithelfen möchte, aber zu diesem Treffen nicht kommen kann, möge sich bitte unter der E-Mail-Adresse stadtkantorat[at]ekihd.de melden.

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(Fotos: Okapia (2) / Lotz)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausgezeichnete Friedenskirche

Kürzlich ist die neue Friedenskirche mit der Hugo-Häring Medaille des Bundes Deutscher Architekten (BDA) ausgezeichnet worden. Jetzt ist das für alle sichtbar.

Dekanin Dr. Marlene Schwöbel-Hug enthüllte am 3. Februar 2015 zusammen mit Architekt Armin Schäfer und Pfarrerin Monika Hautzinger die kleine Plakette, die jetzt Gemeindeglieder und Besucher am Eingang darauf hinweist, dass die neue Friedenskirche als „vorbildliches Bauwerk“ in Baden-Württemberg ausgezeichnet wurde.