Archiv für den Monat April 2015

Handschuhsheims Pfarrer im Dritten Reich

Bloß „Kinder ihrer Zeit“?

Der Evangelische Männerverein und der Katholische Männerkreis luden zu einem spannenden Diskussionsabend.

Von Rüdiger Runge

 

„Ich bedaure nur, dass ein Abend wie dieser nicht schon vor 50, 60 Jahren stattfinden konnte“, erklärt Heinz Markmann, Jahrgang 1926, gebürtiger Handschuhsheimer, profilierter Sozialdemokrat und evangelischer Christ.

Vollbesetzt_EndMehr als 100 Besucherinnen und Besucher, die allermeisten aus dem Ort, setzen sich am Mittwoch, dem 22. April, im Gemeindesaal von Heidelbergs ältester Kirche St. Vitus mit der Rolle der Handschuhsheimer Kirchengemeinden in der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Eingeladen haben der Evangelische Männerverein Heidelberg-Handschuhsheim und der Katholische Männerkreis St. Vitus zu diesem „Ökumenischen Abend“. Er ist Teil des Programms, mit dem der Stadtteil 2015 sein Bestehen seit 1250 Jahren feiert.

Widerständig

Der katholische Ortsgeistliche von 1917 bis 1954, Franz Rudolf, war nach 1933 kein Mann des aktiven Widerstands, doch er zeigte sich, gelegentlich listenreich, durchaus widerständig. Bereits im Oktober 1933 drohte das Heidelberger NS-Blatt „Volksgemeinschaft“ ihm öffentlich KZ-Haft in Kislau bei Karlsruhe an, wenn er sich weiterhin weigere, zu hohen Festtagen die Hakenkreuzfahne am Kirchturm zu hissen.

Tauferts_EndjpgManfred Taufertshöfer, Vorsitzender des Katholischen Männerkreises St. Vitus und ehemals stellvertretender Schulleiter des katholischen Gymnasiums St. Raphael, führt Rudolfs Wirken eindrücklich vor Augen, in dem er schlicht Dokumente und Bilder aus jenen Jahren zeigt.

1936 etwa wandte Rudolf sich an HJ und SA, die am Sonntagmorgen, zur Zeit katholischer Messen, regelmäßig Exerzierübungen veranstalteten. Er ersuchte um einen Befehl für die Katholiken in deren Gruppen und Einheiten, sonntags um 8.45 Uhr die Heilige Messe zu besuchen. 1941 nahm die Gestapo Rudolf dann für zehn Tage in Haft, weil er für Polen, die zumeist in den Handschuhsheimer Feldern arbeiteten, Messen las, an denen auch die deutschen Gemeindeglieder teilnehmen konnten.

Beklommenheit im Saal löst die Erwähnung eines Vorfalls aus, der vielen Anwesenden bekannt oder sogar selbst erinnerlich ist: Noch am Tag vor dem Eintreffen der Amerikaner erhängten 1945 SS-Leute am Ortsausgang nach Dossenheim einen 17-Jährigen wegen Fahnenflucht.

Rechtsextrem aus Überzeugung

Ganz anders als Rudolf verhielten sich zwischen 1933 und 1945 die beiden evangelischen Pfarrer der Handschuhsheimer Friedensgemeinde, Heinrich Wilhelm Vogelmann und Karl Höfer. „Welten lagen dazwischen“, sagt Hans Jörg Staehle. Er genießt seit seinem Buch „Heidelberg-Handschuhsheim – ein satirischer Blick“ einen Ruf als Stadtteils-Historiker, ist im Hauptberuf jedoch Ärztlicher Direktor der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde am Heidelberger Universitätsklinikum.

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Intensive Archivrecherchen Staehles haben ergeben: Aus unterschiedlichen theologischen Traditionen stammend, waren die zwei protestantischen Pfarrer schon in den Jahren vor Hitlers Machtergreifung entschiedene Verfechter rechtsextremen Gedankenguts. Vogelmann war Mitglied sowohl der NSDAP als auch der Bekennenden Kirche, während Höfer den Deutschen Christen angehörte, die sich ganz dem Nationalsozialismus verschrieben hatten. Von Vogelmann, der neben seiner Aufgabe als Gemeindepfarrer auf vielfältige Weise publizistisch tätig war, aber auch von Höfer sind zahlreiche Äußerungen dokumentiert, die sie als überzeugte Nationalsozialisten ausweisen: Wahlaufrufe für die NSDAP, glühende Huldigungen an Adolf Hitler und in den Jahren ab 1939 eine unaufhörliche Kriegspropaganda. Staehle zitiert Vogelmann zum Beispiel mit dem Satz: „Was wir brauchen, ist eine Art kirchlicher Goebbels zum Segen unserer Evangelischen Kirche.“ Und am 10. November 1938, einen Tag nach der Reichspogromnacht, lieferte Vogelmann eine biblische Begründung der Judenverfolgung.

Vorsicht vor Verurteilungen

Dennoch mahnt Staehle zur Vorsicht bei moralischen Verurteilungen: „Sie waren Kinder ihrer Zeit.“ Angesichts der Brutalität des Regimes gegen seine Gegner, so Staehle, dürfe auch den Handschuhsheimer Gemeindegliedern ihr Verhalten in den Jahren bis 1945 nicht vorschnell vorgeworfen werden. Problematisch sei jedoch die ausgebliebene Aufarbeitung in den Jahren danach. Stattdessen, sagt Staehle, wurden Belastete über Mitläufer zu mutigen und verfolgten Widerstandskämpfern stilisiert. Selbst der jeglicher Kollaboration mit den Nazis unverdächtige Heidelberger Pfarrer Hermann Maas entlastete Vogelmann nach dem Krieg.

Verstrickungen unter dem Mantel des Schweigens

Einigen im Publikum erscheint Staehles Bewertung allerdings zu einfach. Schließlich hätten Vogelmann und Höfer Schuld auf sich geladen und seien ihrer christlichen Verantwortung nicht gerecht geworden. „Eine Krähe hat nach dem Krieg der anderen kein Auge ausgehackt. Ich schäme mich für die deutsche Justiz“, meint ein Besucher, den ein anderer später mit der Bemerkung ergänzt, die evangelischen Ortspfarrer stünden nur stellvertretend für das Versagen beider Kirchen. Nicht nur die Juristen, sondern auch die Christen hätten versagt.

Bestürzung wird laut über die „Verstrickungen der Pfarrer ins verbrecherische Regime“, aber auch darüber, wie in den Jahren und Jahrzehnten danach über die Verstrickung fast aller „der Mantel des Schweigens gebreitet“ wurde. Zugleich sprechen einige, die sich zu Wort melden, Dank dafür aus, dass mit diesem Abend das Thema öffentlich zur aufarbeitenden Debatte gestellt wird.

Nationalistischer Protestantismus

markgraf_EndEckhart Marggraf ist, wie Heinz Markmann, im Atzelhof aufgewachsen, dem Handschuhsheimer Musterkomplex für gute Arbeiterwohnungen. Bis zu seiner Pensionierung als evangelischer Pfarrer leitete er das Religionspädagogische Institut der badischen Landeskirche. Marggraf erläutert historische Hintergründe für die unterschiedliche Nähe von Katholiken und Protestanten zum Nationalsozialismus. Nationalistisches Denken war im Protestantismus tief verankert, über die gegensätzlichen Strömungen der „liberalen“ und der „positiven“ Theologie seit dem 19. Jahrhundert hinweg. Denn seit der Reformation standen die evangelischen Kirchen in enger, ja obrigkeitshöriger Bindung an die Landesherren, die ihre Anerkennung und Existenz im Gegenüber zur katholischen Weltkirche sicherten.

Die Katholiken befanden sich demgegenüber stets in Distanz zu nationaler Politik; bis 1933 war es ihnen ausdrücklich verboten, der NSDAP beizutreten. Außerdem hatten sie sich mit dem „Zentrum“ als „führender katholischer Kirchenpartei“ fester in der Demokratie der Weimarer Republik verwurzelt.

Totalitarismus noch immer hochaktuell

„… und unsere Verantwortung heute?“ lautet die abschließende Frage an die jetzigen Geistlichen Handschuhsheims, den katholischen Pfarrer Josef Mohr und seinen evangelischen Kollegen Gunnar Garleff. Mohr betont, der „Trost der Vergebung“, von dem im Brief eines evangelischen Oberkirchenrats die Rede war, den Staehle zitierte, sei nicht zu gewinnen ohne das Bekennen von Schuld. Trotz des eindrucksvollen Beispiels seines Vorgängers Franz Rudolf hätten im Nationalsozialismus die „Kirchen als Ganzes“ versagt „gegenüber gottloser Ideologie“.

4vonhier_EndGunnar Garleff verweist auf Luthers simul iustus et peccator – der Mensch ist stets Gerechter und Sünder zugleich, in Garleffs Worten: „Gott liebt dich, aber er liebt nicht alles, was du tust.“ Jede Generation trage ihre eigene Verantwortung gegenüber der Geschichte, Schuld und die Verstrickung der meisten müssten als Schuld benannt werden. Ein Schlussstrich dürfe nicht gezogen werden, zumal nicht in einer Zeit, in der Totalitarismus noch immer hochaktuell sei, sagt der Pfarrer, der die prophetische Aufgabe der Kirche darin sieht, politisch wachsam zu sein. Dabei gehe es nicht darum, scheinbar alternativlose Antworten zu geben, sondern Erziehung müsse zum öffentlichen Diskurs befähigen und zu Urteilsfähigkeit verhelfen in Lebenssituationen, in denen „immer mehrere Antworten möglich“ seien.

Konfessionalismus reinsten Wassers

Heftigen Widerspruch von Pfarrer Mohr und auch von Eckhart Marggraf erntet Heinz Markmann im Übrigen für seine Feststellung, schon in der Zeit des Nationalsozialismus sei „Handschuhsheim ökumenisch gesinnt“ gewesen. Das sei eine „Legende“, erklärt Mohr. Auch damals und für eine lange Zeit habe in Handschuhsheim ein „Konfessionalismus reinsten Wassers“ geherrscht. Darauf entgegnet Markmann, so grundsätzlich habe er es gar nicht gemeint: Aber in der Hitlerjugend „saßen wir alle in unseren braunen Hemden zusammen“.

Fortsetzung angesagt

Moderator Gerhard Liedke, selbst Pfarrer der Friedensgemeinde in den 1980er und -90er Jahren, gibt zum Abschluss preis, einer seiner besten Freunde sei ein Enkel Karl Höfers gewesen, und betroffen habe er erleben müssen, dass dieser überhaupt nichts von der NS-Vergangenheit seines Großvaters wusste.

Insofern sind die beachtliche Resonanz und das konzentrierte Gespräch an diesem Abend eine Bestätigung: Evangelischer Männerverein und Katholischer Männerkreis in Handschuhsheim planen eine Fortsetzung zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nach 1945, am 23. Oktober 2015 unter dem Titel „Aufarbeiten oder Schweigen? Nachwirkungen der NS-Zeit in den Handschuhsheimer Kirchengemeinden“.

Auch die Rhein-Neckar-Zeitung hat ausführlich über die Veranstaltung berichtet. Die Artikel der Ausgabe vom 25. April 2015 finden Sie – mit freundlicher Genehmigung der RNZ – hier:

Handschuhsheims Pfarrer im Dritten Reich (II)

Die Berichterstattung der RNZ

Der Evangelische Männerverein Handschuhsheim und der Katholische Männerkreis St. Vitus hatten aus Anlass der 1250-Jahr-Feier Handschuhsheims zu einem bemerkenswerten Vortrags- und Diskussionsabend eingeladen. Es ging um die Geschichte der Handschuhsheimer Kirchengemeinden und ihrer Pfarrer während der NS-Zeit. Einen ausführlichen Bericht von Rüdiger Runge finden Sie hier.

Auch die Rhein-Neckar Zeitung hat ausführlich über den Abend berichtet. Mit freundlicher Genehmigung der RNZ geben wir hier die Artikel aus der Ausgabe vom 25. April 2015 wider.

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Durchkreuzter Raum

Rückblick auf eine besondere Kirchen-Raum-Erfahrung am Gründonnerstag

Die Veranstaltungsreihe kreuz.weg.wandel mit insgesamt drei Gottesdiensten und drei Vortragsveranstaltungen, die besondere Raumerfahrungen in der neuen Friedenskirche ermöglichen, erlebte mit dem Abendgottesdienst am Gründonnerstag einen weiteren Höhepunkt.

Erwartungsvoll wie die Jünger Jesu und gespannt auf das Festmahl sammelte sich die Friedensgemeinde zunächst draußen, vor der Friedenskirche. Auch diesmal war die Friedenskirche innen umgestaltet. Eine große Festtafel war entstanden. „Wir feiern ein Festmahl,“ so hieß es in der Liturgie, „ein Mahl aus der Fulle des Lebens mit dem, was bereitet ist an Speisen und Geschichten.“

Das Kreuz als Quelle der Gemeinschaft aber auch als Ort, an dem der Zweifel aufbricht und aufbrechen darf, wurde im Kirchenraum spürbar. Der Altar, der das Kreuz in sich trägt, wurde in seinen vier Teilen auseinandergerückt. Schwarze Stoffbahnen zogen die Balken des Kreuzes durch den ganzen Kirchenraum.

Dieses Bild des durchkreuzten Raums prägte alle Kar- und Ostergottesdienste in der Friedenskirche. Im Frühgottesdienst am Ostermorgen wurden die schwarzen Balken des Kreuzes durch zahllose Lichter erhellt. Im Ostergottesdienst schmückten Kinder die Kreuzesbahnen mit gelb leuchtenden Blumen.

Für alle, die nicht dabei sein konnten, hier einige Eindrücke vom „durchkreuzten Raum“. Für die Bildergalerie klicken Sie auf eines der Bilder.

Karfreitag und Ostern nachspüren

Zwei  Predigten zum nachlesen

Intensive Gottesdienste hat die Friedensgemeinde erlebt in der Karwoche und an den beiden Ostertagen. Dabei machte auch der Raum der neuen Friedenskirche wieder besondere Erfahrungen möglich. Das Kreuz stand dabei im Mittelpunkt. Und der Altar, der im Abendgottesdienst am Gründonnerstag in seinen vier Teilen ein wenig auseinander gerückt wurde und der zum Mittelpunkt wurde für ein großes Kreuz aus schwarzem Stoff, das im Kirchenraum ausgelegt wurde. Ostern wurde das Kreuz vom Licht erfüllt. Kinder schmückten es mit Blumen. So wurde das Kreuz zum Symbol des Lebens.

Pfarrer Gunnar Garleff spannte in seinen Predigten am Karfreitag und am Ostersonntag einen Bogen vom „Kreuzesleid und Kreuzeshoffnung“ hin zu „Osterentsetzen und Osterfreude“. 

Kreuzesleid – Kreuzeshoffnung

Karfreitagspredigt

Da lieferte er ihnen Jesus zur Kreuzigung aus.  Sie übernahmen nun Jesus. Er trug sein Kreuz selber und ging hinaus zu der sogenannten Schädelstätte, die auf Hebräisch Golgota heisst. Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere, auf jeder Seite einen, in der Mitte aber Jesus. 

Pilatus liess auch eine Tafel beschriften und sie oben am Kreuz anbringen. Darauf stand geschrieben: Jesus von Nazaret, der König der Juden. Diese Inschrift nun lasen viele Juden, denn die Stelle, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Sie war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache verfasst. Da sagten die Hohen Priester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der König der Juden, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der König der Juden. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.

Nachdem nun die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, nahmen sie seine Kleider und machten vier Teile daraus, für jeden Soldaten einen Teil, dazu das Untergewand. Das Untergewand aber war ohne Naht, von oben an am Stück gewoben. Da sagten sie zueinander: Wir wollen es nicht zerreissen, sondern darum losen, wem es gehören soll. So sollte die Schrift in Erfüllung gehen, die sagt: Sie haben meine Kleider unter sich verteilt, und über mein Gewand haben sie das Los geworfen. Das also taten die Soldaten. 

Beim Kreuz Jesu aber standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala. Als nun Jesus die Mutter und den Jünger, den er liebte, neben ihr stehen sieht, sagt er zur Mutter: Frau, da ist dein Sohn. Dann sagt er zum Jünger: Da ist deine Mutter. Und von jener Stunde an nahm der Jünger sie zu sich. 

Danach spricht Jesus im Wissen, dass schon alles vollbracht ist: Mich dürstet! So sollte die Schrift an ihr Ziel kommen. Ein Gefäss voll Essig stand da, und so tränkten sie einen Schwamm mit Essig, steckten ihn auf ein Ysoprohr und führten ihn zu seinem Mund. Als Jesus nun den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und er neigte das Haupt und verschied. 

Johannesevangelium 19,16-30 (Zürcher Bibel)

Die Geschichte vom Kreuz – eine verstörende entsetzliche Gottesgeschichte. Gewalttätig. Voll Spott und Hohn. Erniedrigend. Mörderisch. Eine Geschichte, die uns hineinzieht in den Abgrund unserer Menschlichkeit. Kampf um Macht.
Kampf um Deutungshoheit. Kampf um Gottesbeherrschung. So lange zerren sie um Gott, ringen sie um die Wahrheit bis Gott am Kreuz hängt. „Und er verschied!“

Die Welt sieht auf das Kreuz und sieht: Es geht um den Menschen. Kreuzesleid ist Menschenleid. Der menschliche Gott hängt tot am Kreuz – nackt, gepeinigt, geschunden. Das Kreuz ist mitten unter uns. Wir sind mit dem Kreuz verstrickt, verwoben, verbunden.

Kaum auszuhalten – das Schwarze, das Dunkle, diese Grausamkeit menschlicher Machtspiele, die Lieblosigkeit menschlicher Meinungen. Wir sind mit dem Kreuz verbunden – und mit all dem Leid dieser Welt, das es symbolisiert, in sich aufnimmt. „Und er verschied.“

Das Kreuz lässt uns still werden. Wir könnten fliehen, aber das Kreuz holt uns ein, lässt uns nicht los. Das Kreuz bindet uns. Es verbindet uns im Entsetzen
über das Leid der Welt. 

Die (johanneische) Geschichte des Kreuzes Jesu ist verstörend. Gegen all das Entsetzen erzählt sie die Geschichte eines erhabenen Jesus. In der Schmach trägt er sein Kreuz selbst. Wir hören kein Klagen. Wir hören kein Zweifeln. Wir hören kein Seufzen. Wir hören kein: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“ Jesus trägt sein Kreuz mit Hingabe als Zeichen, als Höhepunkt seiner Sendung. Da trägt einer unfassbares Leiden und zerbricht nicht. Da trägt einer sein Kreuz wie eine Krone, wie Insignien seiner Herrschaft.

Verstörend ist die Geschichte in der Geschichte, weil sie das Entsetzen des Volkes und das Machtgefeilsche konterkariert, ad absurdum führt. Jesus geht den Weg seiner Sendung, damit alles vollbracht ist. Jesus ist kein Opfer – sondern er gibt sich hin. Im Tod ist sein Lebenswerk vollbracht.

Zu Beginn seines Wirkens macht Jesus selbst seine Sendung deutlich: „Dass ich tue den Willen dessen, der mich gesandt hat und vollende sein Werk!“ (Joh 4,34) Auf dem Weg dieser Vollendung und Offenbarung des Willens des Vaters
heilt Jesus Menschen: den Sohn eines königlichen Beamten, den Mann vom Teich Betesda. Er führt Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit: Nikodemus 
und die Samaritanerin. Er nimmt seinen Jüngern die Angst, als er über den See wandelt. Er verschafft Menschen zu echter Freude mit dem Weinwunder zu Kana. Er macht als Brot des Lebens die Menschen satt. Als das Licht der Welt heilte er einen Blinden. Als die Auferstehung und das Leben gab er einem Toten neues Leben. Er diente als das Fleisch gewordene Wort den Menschen und wusch seinen Jüngern die Füße. Er ließ als der gute Hirte sein Leben für die Schafe. Sein Lebenswerk war die Offenbarung des Lebens und der Liebe Gottes.
In ihm hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn dahingab. Es ist vollbracht und er verschied.

Der erhabene und der leidende Jesus. Das Entsetzen über das Kreuz wird durch das verstörende Ertragen des Kreuzes durch den Gekreuzigten geradezu verwandelt.  Das ganze Leben Jesu wird zur Passion. Ja mehr noch: es tritt das passionierte Leben des Sohnes für die Welt vor Augen. 

Am Kreuz tritt uns die Nähe Gottes zu den Menschen vor Augen. Beim Kreuz stehen die drei Marien und der namenlose Jünger, den Jesus liebte. Sie stehen nicht fern – wie in den anderen Evangelien. Nein, sie stehen nahe beim Kreuz.
Wir können nur erahnen, welche Qualen die Mutter erleiden muss im Anblick des gemarterten Sohnes. Aber es braucht diesen zweiten Dialog zwischen Mutter und Sohn im Evangelium, der sich quasi als Rahmen um das ganze passionierte Leben Jesu legt.

Ganz am Anfang – bei der Hochzeit zu Kana, wies Jesus die Mutter schroff ab: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Jetzt aber ist die Stunde da und die Mutter ist auch wieder da. An ihr und dem namenlosen Jünger wird er seine Sendung und die Offenbarung der Liebe vollenden. „Frau, da ist dein Sohn!“ „Jünger, da ist deine Mutter!“ 

Diese Zuweisung und Bindung des Jüngers mit der Mutter ist die letzte Steigerung des Liebesgebotes. Es ist überhaupt das letzte Gebot Jesu vor seinem Tod. Es ist sein Vermächtnis. Vom Kreuz her fordert er zum solidarischen Handeln auf. In diesem namenlosen Jünger dürfen wir uns ansprechen lassen als Jünger Jesu unter dem Kreuz. Denn die Liebe,
mit der Gott die Welt so sehr liebt, dass er seinen Sohn dahingeben hat, pflanzt sich in der Liebe Jesu zu seinen Jüngern fort, und besteht weiter, 
wo wir das Vermächtnis vom Kreuz unter uns wirken lassen. Wo die Liebesgemeinschaft gelebt wird, da ist Gott gegenwärtig. Das Kreuz, der Inbegriff des Leidens, wird zur Motivation einer erneuerten Liebesgemeinschaft, neuer Hoffnung auf Solidarität, neuer Gemeinschaft. Es ist vollbracht und er verschied!

Gott braucht das Kreuz Jesu! Jesus braucht das Kreuz. Der Karfreitag durchbricht das Weiterso. Das nach jeder Katastrophe die immer gleichen Betroffenheitsrituale hervorbringt. Sie dauern ein paar Tage an ehe die Solidaritätsbekundungen vergessen sind, ehe das Grauen des Leidens der einen durch das Grauen des Leidens der anderen ersetzt wird. Gott braucht das Kreuz Jesu für die Welt! Weil es die Grausamkeit des Leidens eines Menschen als das Leiden aller Menschen vor Augen führt. Der Mensch ist nicht bestimmt für das Leiden, er ist nicht bestimmt für das Kreuz. Das Kreuz kann, so paradox es klingt, nicht der Wille Gottes für die Menschen sein. Gerade deshalb braucht Gott das Kreuz Jesu für die Welt. Denn es führt uns vor Augen: Der Wille Gottes ist das Leben und die Liebe. Dieser Wille Gottes – ja mehr noch die Liebe Gottes
wird am Kreuz manifestiert und inthronisiert. Sie wird übrigens nicht durch die Jünger inthronisiert, sondern wider Wissen und Wollen durch Pilatus, in dem er die Kreuzinschrift in allen Sprachen ans Kreuz bringen lässt.

Die Welt braucht das Kreuz, und braucht diesen Tag des Entsetzens über das Kreuz Jesu und den Tod Gottes. Denn aus dem Entsetzen keimt die Hoffnung des Friedens und der Liebe. Das Kreuz, das uns heute im Osten, Norden, Westen und Süden dieser Kirche verbindet, ist ein Anstoß: Wir wollen mehr Liebe wagen. Wir wollen mehr Hoffnung wagen. Wir wollen mehr Glauben wagen. Wir wollen nicht nur uns selbst bezeugen, sondern Christi Willen im Gegenüber, im Bruder und in der Schwester sehen. Das Kreuz verbindet uns im Entsetzen und im Vertrauen.

Der leidende Gekreuzigte kann uns zur Quelle des Trostes werden. Nicht nur, dass Gott am Kreuz dem leidenden Menschen nahe ist, es ist mehr:  Jesus, der sein Kreuz wie eine Insignie trägt, der sein Vermächtnis vom Kreuz spricht, dieser Christus strahlt mitten im Leid vom Kreuzesthron noch eine Botschaft aus:

Ich zerbreche nicht und ich lasse nicht zu, dass du zerbrichst.

Denn die Mächte und die Ängste dieser Welt haben nicht das letzte Wort. Es gibt einen am Kreuz, der in seiner Gegenwart schlechthin überlegen ist und der dir zur Kraftquelle werden kann. Lass dir sein Kreuz zum Zeichen und zum Ansporn werden: damit diese Welt ein Ort der Liebe und des Friedens werde.

Und wo das geschieht, da wird die Sendung Jesu vollendet: „Denn Gott hat den Sohn nicht in die Welt gesandt,  damit er die Welt richte, sondern damit die Welt durch ihn gerettet werde.“ (Joh 3,17)

Das Kreuz ist in unserer Mitte, 
es ist die Leere und die Fülle, 
Es ist der Thron der Liebe und der Hoffnung.

Wir schauen auf das Kreuz unter uns: 
als Schutz des Glaubens, 
als Befestigung der Hoffnung,
als Zeichen der Barmherzigkeit, 
als Beweis des Mitleids, 
als Fahrzeug der Gnade, 
als Banner des Friedens.

Wir schauen auf das Kreuz zwischen uns, 
dass den Hochmut zerstörte, 
den Neid zertrat, 
die Schuld berichtigte, 
die Strafe ausglich.

Ja wir sehen das Kreuz: 
dunkel, verstörend, 
aber die Pforte des Himmels, 
der Schlüssel zum Paradies, 
der Sturz des Teufels, 
die Erhebung des Menschen, 
der Trost unserer Gefangenschaft, 
der Preis der Freiheit.

Das Kreuz unter uns 
klagt die Tyrannen an, 
besiegt die Mächtigen, 
richtet die Bedrängten auf 
und ehrt die Armen.

Das finstere, dunkle Kreuz unter uns 
ist das Ende der Finsternis, 
das Ausbreiten des Lichts aus der Dunkelheit, 
die Flucht des Todes, 
das Schiff des Lebens 
und das Reich des Heils.

Durch das uns durchkreuzende Kreuz 
zieht Christus alles auf sich, 
damit wir das Leben lieben 
und als Liebende zur Gemeinschaft der Liebe werden – 
von Osten nach Westen, 
von Norden nach Süden. 
Damit die Welt Rettung erfahre. 

Amen.

Anmerkung: Die Bilderflut in der abschließenden Meditation fand ich beim Mystiker Rupert von Deutz (ca. 1070 – 1129).

Osterentsetzen vs. Osterhoffnung

Osterpredigt

Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. Und sehr früh am ersten Tag der Woche kommen sie zum Grab, eben als die Sonne aufging. Und sie sagten zueinander: Wer wird uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen? Doch wie sie hinschauen, sehen sie, dass der Stein weggewälzt ist. Er war sehr gross. 

Und sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem langen, weissen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagt zu ihnen: Erschreckt nicht! Jesus sucht ihr, den Nazarener, den Gekreuzigten. Er ist auferweckt worden, er ist nicht hier. Das ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt haben. Doch geht, sagt seinen Jüngern und dem Petrus, dass er euch vorausgeht nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 

Da gingen sie hinaus und flohen weg vom Grab, denn sie waren starr vor Angst und Entsetzen. Und sie sagten niemandem etwas, denn sie fürchteten sich.

Markusevangelium 16,1-8 (Zürcher Bibel)

Mit dem Osterjubelruf haben wir diesen Gottesdienst begonnen. Voller Jubel, voller Freude. „Wir wollen alle fröhlich sein!“ (EG 100) haben wir gesungen, denn „Christ ist erstanden von der Marter alle“ (EG 99) – ja, „Gelobet sei Gott im höchsten Thron!“ (EG 103) – also „Auf, auf mein Herz mit Freuden!“ – 
Ostern breitet sich aus wie die Blumen auf dem Kreuz.  Alles wird wieder gut – alles gut?

Nein, so schnell geht es nicht. Ostern ist ein langsames Begreifen – auch wenn wir kaum früh genug die Fenster mit Osterschmuck dekorieren. Die biblischen Ostergeschichten sind allesamt mit Furcht, Zittern, Tränen, Entsetzen verbunden. Kein Halleluja. Dafür eine Mischung aus Verstörung und Tröstung, aus Glaube und Zweifel. 

Nach der Radikalität des Kreuzes und der Unfassbarkeit des Todes folgt die entsetzende Erfahrung der Frauen am Grab. Eine merkwürdige Ostergeschichte ist diese Geschichte von den drei Frauen, die sich in aller Frühe zum Grab Jesu aufmachen und die dennoch zu spät kommen. Sie wollen den Toten salben. Sie machen sich Gedanken, wie sie den Stein wegrollen können. Sie suchen einen Abschluss mit dem Leben Jesu. Die Salbung ist Teil ihrer Trauer. Dann haben sie alles getan, was die Liebe gebietet. Und dann werden sie sich wieder dem Leben zuwenden, vielleicht mit der Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse, im Gedächtnis eindrückliche Worte und Gleichnisse, erzählt an vielen Abenden auf der Wanderschaft durch Galiläa und Judäa.

Merkwürdig ist diese Ostergeschichte des Evangelisten Markus, weil sie nichts von Osterfreude erzählt. Sie ist keine Jubelgeschichte, kein Halleluja, keine Auferstehungsgeschichte. Sie ist am Ende eine Fluchtgeschichte. Der gutgemeinte Plan der Trauer wird unterbrochen  durch Entsetzen und Furcht. Da ist ein Jüngling. Der Stein ist weggerollt und der Jüngling spricht: „Entsetzt euch nicht!“ Er verkündigt die Auferstehung des Gekreuzigten und fordert die Frauen auf, den Jüngern und Petrus alles in Galiläa zu erzählen. Die Frauen aber fliehen voll Entsetzen vom Grab, erzählen niemanden etwas und fürchten sich. Mit Osterentsetzen und Osterfurcht endet das Markusevangelium und die Geschichte vom Grab. Da ist wenig Freude, wenig hoffnungsvoller Aufbruch. 
Sondern viel Schweigen, Entsetzen und Furcht. Wie passt das zu unserer Osterfreude? – Vielleicht erdet dieser Osterbericht unsere Emotionen und unser österliches Hurra und Halleluja. 

Diese Ostergeschichte mit ihrem Fokus auf den entsetzten Frauen, sie ist tröstlich, weil sie nicht überrumpelt, sondern weil sie die Menschlichkeit der Frauen darstellt. Es geht in dieser Geschichte gar nicht zuerst um den Auferstandenen, es geht um die trauernden Frauen. Diese Frauen brauchen Zeit. Trauer braucht Zeit!

Mir geht es manchmal zu schnell mit den Stimmungsumschwüngen. Eben noch die Stille des Karfreitags und jetzt der Osterjubel. Eben noch das Entsetzen über den Tod,  den Verlust, den Beziehungsabbruch und jetzt soll alles wieder gut sein?

Legt Ostern wirklich einfach den Schalter um? Wie geht es den Trauernden unserer Tage? Den Angehörigen der Flugzeugkatastrophe, jene, die unter uns um geliebte Menschen trauern, um das eigene Kind,  um die Mutter, den Vater,
den Nachbarn, den Freund?

Die Osterbotschaft weckt Hoffnung, vielleicht führt sie auch in die Freude, dass der Tod nicht das letzte Wort behält, dass Gottes Handeln an dem Gekreuzigten auch an uns und unseren Toten geschehen wird, dass das Leben siegen wird. Aber die Osterbotschaft verändert nicht sogleich alle Emotionen. Der Kreuzesschock sitzt zu tief. Die Begegnung am Grab verstört die Frauen. Die Frauen trauern – um den Sohn und den Freund Jesus von Nazareth. Sie trauern nicht um einen am Kreuz erhöhten Gottessohn, sondern um den am Kreuz erniedrigten Menschensohn.

Sie gehen zum Grab, wie wir zu den Gräbern gehen, wie die Angehörigen der Toten zur Absturzstelle reisen. Am Grab suchen sie Vergewisserung. Am Grab, an der Unglücksstelle haben Menschen einen Ort zur Klage über die begrabenen Hoffnungen und Wünsche.

Wären wir froh, wenn uns die Gräber genommen wären, die Steine verrückt wären wie der Stein am Grab Jesu? Wären wir froh, wenn uns einer entgegen tritt und sagt`: „Entsetzt euch nicht. Sie sind nicht hier eure Toten. Kehrt um, sie kommen euch entgegen.“?

Wahrscheinlich wäre auch ich verwirrt und entsetzt wie die Frauen. „Die Gewissheit, dass Tote tot sind und dass das menschliche Leben begrenzt ist, 
hat etwas Lebensnotwendiges und Lebensförderliches.“ Wo die Toten nicht mehr tot sind, da ist das Verständnis der Lebenszusammenhänge, der Wirklichkeit erschüttert. Das Kreuz lässt sich menschlich erklären, aber die Auferstehung durchkreuzt alles menschliche Verstehen. Die Botschaft am Grab nimmt den trauernden Frauen ihren Toten. Alles, was sie bisher vom Leben verstanden haben ist erschüttert. Wo die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen, unklar werden, da geraten wir in Gefahr das Vertrauen in das geschenkte Leben zu verlieren.

Sie entsetzen sich! Sie fürchten sich! Sie schweigen! Aber sie fliehen vom Grab! Also wenig Österliches in dieser Ostergeschichte? Vielleicht gibt es wenig Halleluja, aber das Entsetzen ist der Anfang der Osterhoffnung. Am verrückten Grabstein hören die Frauen die Verheißung: „Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingehen wird nach Galiläa, dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.“

Es gehört zu den Eigenarten biblischer Erzählung, dass auf die Aufforderung von Engeln, sich nicht zu fürchten und sich nicht zu entsetzen, meist genau das Gegenteil geschieht. Die Frauen ent-setzen sich, denn Ostern gibt dem Leben und der Trauer eine neue Richtung. Sie können sich nicht einrichten in der Trauer. Sie können sich nicht setzen. Sie ent-setzen sich. Sie setzen sich in Bewegung. Sie machen sich auf den Weg. Sie fliehen in Richtung Galiläa. Und sie schweigen.

Auch das kennen wir aus unserer Trauer, irgendwann hört das Erzählen auf und die Nachrichtenflut auch. Es kehrt Schweigen ein auf dem Weg in ein neues Leben der Verheißung entgegen.

Die Frauen laufen der Verheißung nach, ja sie beginnen die Nachfolge. Und diese Nachfolge ist nicht der Weg ins Grab, sondern ins Leben. In Galiläa ihrem Lebensort, dort, wo Jesus sie von den Booten weggerufen hat, dort, wo sie Haus und Hof verließen, wo sie seine Worte hörten, mit ihm aßen, wo sie Mut fassten, wo sie zweifelten, wo sie Zeichen und Wunder sahen, Aussätzige und Kranke, die geheilt wurden, wo sie zu verstehen begannen und vertrauten. Dort in Galiläa, wo Jesus von der Liebe Gottes sprach und sie die Fülle des Lebens, der Liebe, der Hoffnung erfuhren – die sie so sehr ergriff. In Galiläa und nicht an einem Grab in Jerusalem, werden sie das Leben finden und dem Auferstandenen begegnen. 

In Galiläa liegt die Nähe Jesu voraus – am Ort des Anfangs, nicht in Jerusalem, beim Grab am Ort des Endes. Die Frauen bewegen sich auf den Anfang zu. Das ist ihre Ostererfahrung. Sie fliehen dem Anfang entgegen, bewegt von der Verheißung, von Hoffnung, dass die Nähe des Auferstandenen ihnen vorauseilt.

Und sie gehen diesen Weg schweigend. Keine großen Worte. Wie auch der Evangelist Markus sparsam darin ist, alles wortreich auszumalen. Wie genau die Frauen das Leben finden werden – wird nicht gesagt. Wie ihre Begegnung mit dem Auferstanden war – wird nicht gesagt. Welchen Leib der Auferstandene hat – wird nicht gesagt. Nein die Kargheit der Worte, das Schweigen – öffnet die Sinne gerade in einer Welt, in der uns so viel Wortlärm umgibt, damit wir Ostern an uns erfahren. Die Frauen gehen ins Offene.

Das offene Grab öffnet den Weg ins Leben und es schenkt einen Perspektivenwechsel. Die Frauen verstehen und sehen nichts. Aber ihr Weg geht ins Offene, bis der Auferstandene ihnen entgegenkommt. „Die Gewissheit, dass die Toten tot sind, hat auch etwas Lebenshemmendes und Unterdrückendes.“ (Gutmann) Aber diese Begegnung am offenen Grab,
öffnet das Leben neu. Die Frauen wissen um den Tod, aber sie glauben ihn nicht mehr. Sie glauben voller Furcht und Entsetzen der Verheißung. Darum können sie Schritte ins Offene gehen.

Ostern öffnet die Trauer für das Leben. Wir kennen den Tod, aber wir glauben nicht an ihn. Wir glauben an das Leben. Darum können wir mit den Frauen Schritte ins Offene gehen. Darum können Trauernde ihre Toten ruhen lassen, und dem Leben offen entgegen gehen. Ostern nimmt dem Tod die Macht. Und verweist auf das Leben, auf Galiläa auf die Geschichte mit dem Lebendigen, die weitergeht. In dieser Geschichte liegt das Wesentliche nicht hinter uns, sondern vor uns.

Ihr werdet ihn sehen, wie er euch gesagt hat. Das ist Osterhoffnung. Er wird das Mahl mit ihnen feiern, Brot brechen und sie werden ihn erkennen, staunen, glauben, Mut haben und zweifeln: Leben eben.

Und der Osterjubel?

Wie können ihn nur erahnen,
und doch klingt er im Ohr.
Mit jedem Schritt ins Leben
atmet das Leben leichter,
hören wir erst stille und dann immer lauter:
Er ist erstanden.
Wahrhaftig auferstanden.
Gott schenkt das Leben,
wahres Leben
kein Tod kann es nehmen,
keine Macht reißt es aus seinen Händen,
wir leben
leben
leben dem Vorausgegangenen entgegen,
frei
gelöst
leben
lauter Halleluja.
Der Herr ist auferstanden,
er ist wahrhaftig auferstanden.

Amen.

© Gunnar Garleff 2015