Archiv für den Monat Februar 2016

„… denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen“

Flucht und Fluchtgeschichten in der Bibel

Die Bibel ist eine große und einzigartige Sammlung von Fluchtgeschichten. Die Bibel weiß: Seit Anbeginn sind Menschen auf der Flucht, werden vertrieben, müssen ihr Haus und ihre Heimat verlassen. Aus welchen Gründen auch immer. Gerade ihnen aber gilt Gottes besondere Zusage und Nähe. Das ist der herausfordernde Kern der jüdisch-christlichen Überlieferung: Wer auf der Flucht ist, bleibt nicht allein. Gott geht mit.

Von Lothar Bauerochse

RefugeesWer die Bibel aufschlägt, liest schon auf den allerersten Seiten von Menschen auf der Flucht. Adam und Eva! Sie sind Vertriebene. Sie müssen das Paradies verlassen, werden hineingestoßen in die Ort- und Heimatlosigkeit. Und das setzt sich fort bei den Vätergeschichten der hebräischen Bibel. Abraham verlässt seine Heimat und macht sich auf die Suche nach einem neuen Ort. Ihn treibt ein Versprechen an, nämlich dass es ein großes und segensreiches Land für ihn geben wird. Heute würde man Menschen, die ihre Zelte abbrechen und ihre Heimat verlassen mit der Sehnsucht nach einem besseren Ort für ein besseres Leben wohl Wirtschaftsflüchtlinge schimpfen. Für Abraham aber wird es gleichsam zum Kennzeichen seiner Existenz, zu einer theologisch bedeutsamen Grundaussage über sein Leben: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer“ heißt es später im Buch Deuteronomium über ihn: „Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder“. Ein Satz, der für Israel Bekenntnis-Rang hat.

Wer alles in der Bibel auf der Flucht ist: Propheten wie Jona oder Jeremia, Kain, nachdem er seinen Bruder getötet hatte, Jakob floh vor seinem Bruder Esau, David vor Saul.

Das ganze Volk Israel war auf der Flucht, der Tyrannei und Sklaverei mit knapper Not durchs Wasser entkommen, mit der Sehnsucht im Herzen nach einem Land, wo „Milch und Honig fließen“, wo es sich in Freiheit gut leben lässt. Generationen lang dauert diese Flüchtlings-Existenz. Und auf der Flucht macht dieses Volk eine theologisch wichtige Erfahrung: Dass nämlich Gott mitgeht und mit dabei ist auf dieser Flucht.

Und das Volk Israel macht diese Erfahrung immer wieder in seiner Geschichte. Vertreibung, Flucht, Exil. Prophetische Stimmen helfen den Geflohenen, diese Situation theologisch zu deuten, als wichtige Glaubenserfahrung: Gott ist nicht gebunden an das Zentrum der Macht mit seinen Heiligtümern. Sondern er ist bei denen, die sich als Fremdlinge durchschlagen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, um Wurzeln schlagen zu können, und die dort, wo es sie hin verschlägt, versuchen ein neues Leben aufzubauen. „Suchet der Stadt Bestes“ schreibt der Prophet Jeremia den Flüchtlingen.

Maria und Joseph vor GrenzzaunDa verwundert es eigentlich nicht, dass auch dem Sohn Gottes die Erfahrung der Flucht gleichsam mit in die Wiege gelegt ist. Weil der neugeborene König der Juden und Heiland der Welt dem weltlichen Herrscher ein Dorn im Auge ist, müssen Josef und Maria mit dem neugeborenen Jesuskind fliehen, nach Ägypten. Gott selber ist es, der diese Flucht anstößt und auch begleitet. Im Hebräerbrief wird dieser Grundklang der menschlichen Existenz als ein Leben auf dem Weg in den bezeichnenden Satz gebracht: „Wir haben hier keine bleibende Stadt. Die zukünftige suchen wir.“

Jesus hatte es ja vorgemacht. Der selber keine wirkliche Heimat kannte, der unterwegs war zu den Menschen, die selbst heimatlos waren, an den Rand gedrängt, die ihre Wurzeln verloren hatten: Witwen und Waisen, arme Leute, Kranke und Schwache. Und das nicht einfach zufällig, sondern als theologisches Programm, als zentrale Glaubensübung: „Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so überliefern die Evangelisten Matthäus und Lukas ein bekanntes Jesuswort.

Flüchtlingskind an Hand eines HelfersFluchterfahrungen in der Bibel sind in zwei Richtungen bedeutsam. Zum einen die tröstende Zusage für all diejenigen, die auf der Flucht sind, dass Gott sich ihnen in besonderer Weise zuwendet. Es ist aber auch bedeutsam für diejenigen, die beheimatet sind, die ein Haus haben, die Wurzeln schlagen konnten. Ihnen gilt die Aufforderung, nicht zu vergessen, dass Flucht und Vertreibung zum Menschsein dazu gehören und dass Flüchtlinge die Zuwendung und Nähe Gottes in der Zuwendung und Nähe der Menschen spüren sollen. „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande …“, so heißt es im 3. Buch Mose, „… den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.“

Theologisch ist das die Schlüsselstelle für das rechte Verständnis von Flucht und Vertreibung und den angemessenen Umgang mit Flüchtlingen im Licht der biblischen Tradition: Die Zuwendung zu den Flüchtlingen ist untrennbarer Teil der Gottesbeziehung. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat es so ausgedrückt: Gott macht sich die Sache aller Fremden zu Eigen. „Ich bin euer Gott, ich habe die Fremdlinge lieb. Also habt auch ihr die Fremdlinge lieb.“ Bedford-Strohm spricht von einer „Ethik der Einfühlung“: „Stell dir vor, du wärest in dieser Situation. Würdest du dir nicht auch eine faire Behandlung wünschen?“ In diesem Sinne ist auch das große Gleichnis vom Weltgericht im Matthäus-Evangelium zu verstehen. Der Umgang mit dem Fremden wird zum Prüfstein für den Umgang mit Christus selbst gesehen: „Ich bin ein Fremder gewesen,“ sagt Jesus, „und ihr habt mich aufgenommen.“

Deshalb, so der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm, gehört es gegenwärtig zu den wichtigsten Aufgaben von Christen und von Kirchen, daran zu erinnern, dass Flucht immer Teil war der Menschheitsgeschichte, und dass Gott sich den Entwurzelten und Heimatlosen in sehr besonderer Weise zuwendet. Diese Empathie, diese „Ethik der Einfühlung“ ist es, die Christenmenschen dazu bewegt, sich zu engagieren.


Dieser Beitrag ist entstanden als Artikel für die Zeitschrift „Gemeinde leiten“ und erscheint dort im März in der Ausgabe 2/2016.

Fotos: fotolia.de

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Scharfes Wort

Ein Zeitansage zu den Wortgefechten unserer Tage

Predigt am Sonntag, 31. Januar 2016

Von Pfarrer Dr. Gunnar Garleff

„Mit alles,“ sagt der Typ vor mir im Dönerladen. Doch noch bevor der Dönermann den schönen Fladen mit allem, was er hat, beladen kann, wird er gestoppt: „Nicht doch, ach nein, Moment, halt ein,“ ruft in letzter Sekunde der Typ vor mir, der König Kunde. „Mit alles,“ wiederholt er brav, „mit alles – aber ohne scharf!“ – „Is kein Problem, sagt Dönermann, „ist Hähnchendöner, is kein Lamm“ (Quelle: kirchengeschichten.blogspot.de)

Wir hören den Predigttext aus dem Hebräerbrief im vierten Kapitel:

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“ (Hebr. 4,12-13)

Liebe Gemeinde,

„mit alles, aber ohne scharf“ – ich gebe zu, das bestelle ich auch oft beim Dönermann. Die schönen Geschmäcker ja, der Genuss von Salat, fettigem Fleisch mit guter Soße – da muss nun wirklich nicht der brennend-schneidende Schmerz der Schärfe hinein.

I. Evangelium – aber bitte nicht zu scharf

„Mit alles, aber ohne scharf!“ – das ist wohl auch eine gute Charakterisierung von Volkskirche und Predigtalltag. Bitte lieblich, anrührend, sanft, wohlklingend, die Musik seicht, fein, harmonisch.
Klare Worte, bitte – Evangelium – aber nicht zu scharf. Es ist Sonntag, da soll es sonnig sein. Und so lassen wir gerne alles weg, was verstört. Noah sieht den Regenbogen und wir vergessen den Gestank und den Lärm auf der Arche. Von den Toten und der Zerstörung des Lebens auf der Erde bis auf einen kleinen Rest ganz zu schweigen. Wir hören laut das „Fürchte dich nicht!“, aber das scharfe Richterwort Gottes, das flüstern wir nur. Wir feiern die Nettigkeit Jesu, der Blinde sehend, Lahme gehend, Taube hörend gemacht hat, aber seine scharfen Tönen gegen Israel, seine Kritik, die Androhung, dass die Axt schon am Baum hängt – ach sei’s drum.
Verstörendes bitte nicht in der Kirche. Und das Kreuz, ja das wollen wir sehen, aber die Stille und die Dichte des Kreuzesgeschehens überspielen wir recht bald mit Osterfreude. Und Gott, ja Gott, der ist lieb. Soll der auch zornig sein können? Nein, nicht doch – viel zu schmerzhaft. Mit alles, aber ohne scharf!
Von der Kanzel bitte Erbauliches. Von der Kanzel bitte Herzliches. Denn destruktive Worte hören wir doch schon genug.

II. Es gibt zu viele Scharfmacher

Wir sind umgeben von scharfen Worten. Da pöbelt der Mob auf der Straße wieder gegen Ausländer. Da hören wir erschütternde Nachrichten von Entführten, von Vergewaltigen, von Toten. Nachrichten, die Stimmung erzeugen und dann stellt sich heraus: Stimmt gar nicht! Aber die Worte bleiben in der Welt, auf dem Server und erzeugen Gefühle.
Und die wirklichen Opfer von Gewalt, hilft es ihnen, wenn zukünftig noch mehr der Wahrheitsgehalt ihrer Geschichte hinterfragt wird? Und die vermeintlichen Täter, die dann doch keine waren?

Es gibt zu viele Scharfmacher mit stumpfsinnigen Worten. Stumpfe Messer richten meist mehr Schaden an, als scharfe! Und stumpfe Worte erst recht! Ja, Worte und Nachrichten werden zu Drohgebärden, aber die scharfen Worte lösen dann doch keine Probleme. Im Gegenteil: Sie töten, sie machen kraftlos. Sie machen immun. Aber sie heilen nicht. Mit jeder Hysterie der Empörung steigt die Polarisierung und Dämonisierung. Die Panik macht neue Gesetze, die dann gar nicht umsetzbar sind. Das hysterische Geschrei der stumpfen Worte – der Scharfmacher führt zum Verlust des Maßvollen, der Mitte, der Werte. Eine abgestumpfte Gesellschaft und Menschheit aber kann nicht gut sein.
Es ist entsetzlich, dass es heute möglich ist, Menschen, deren Meinung, Haltung und Ethik man nicht teilt, mit Worten zu diffamieren, sie als Faschisten, Vergewaltiger und Hochverräter zu brandmarken und es geht scheinbar immer noch schlimmer.
Dass die Täter inzwischen Klarnamen verwenden – ist nur auf den ersten Blick ein Fortschritt, auf den zweiten Blick ist es alarmierend, denn sie rechnen mit Zustimmung der Masse. Wird Cybermobbing, wird Bashing zum Mainstream im gesellschaftlichen Diskurs?
Die stumpfen Verbalentgleisungen unserer Tage, die in sozialen Netzwerken, in Talkshows und ja selbst auf Versammlungen unter Nachbarn mit leichter Hand und lockerer Zunge gestreut werden, die sind nicht scharf, die sie verletzend, zerstörend, diffamierend. Vor allem lösen sie keine Probleme, denn dazu bräuchte es Schärfe und Ehrlichkeit: Nicht alles ist einfach mal zu lösen – in der Flüchtlingsfrage und in der Integration derzeit schon gar nicht.
Die Lage ist ernst! Und das beginnt im Kleinen, das beginnt, liebe Konfis, schon da, wo ihr in euren Gruppen und Chats euch beleidigt und herablassend äußert.
Es mag für wenige lustig sein, aber jene die ihr zu Opfern macht, empfinden mehr – sie empfinden nicht nur mehr Schmerz, sie empfinden auch mehr Freude!
Der egoistische Spaß der Mobber auf Kosten anderer aber wird am Ende nicht zur Freude für die Täter!

Das Wort Gottes aber ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

III. Christliches Abendland: Aufmerksam für das Leiden, offen für die Fremden

„Mit alles, aber ohne scharf!“ – Zum Wort aus dem Hebräerbrief passt das nicht. Das Wort Gottes ist nicht einfach nur lebendig und kräftig. Das Evangelium ist nicht einfach nur Wohlfühloase – wie man sich es wünschen könnte. Nein, Gottes Wort ist mehr. Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch alles hindurch – sauber, glatt und wirkungsvoll.
Der Hebräerbrief ist kein Brief mit Schongang. Nein, er ist eine erinnernde Mahnung an ein wanderndes Gottesvolk. Eine Mahnung zur Zuversicht. Eine Ermutigung zum „Wir-schaffen-das!“ Dieses Wort der Kanzlerin, das ja manchem schon als Verbalentgleisung und Gesetzesbruch gilt, liegt ganz deutlich auf der Linie dieses Briefes, wenn es da heißt:

„Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende festhalten.“ – (Hebr 3,14)

Fotos: fotolia.de

Der Hebräerbrief erinnert uns an die Wüstengeneration Israels, an ihren Ungehorsam, an ihr Murren, an ihr Zweifeln am „Wir schaffen das!“ Den Christen als wanderndem Gottesvolk aber ist die Zuversicht Christi eingeschrieben. Und diese Zuversicht treibt zum Hören und Tun.
Es reicht nicht aus einfach nur das christliche Abendland zu preisen und beschützen zu wollen. Nein, wenn das Christentum nicht nur Worthülse ist und nicht stumpfes Wort, mit dem sie auf der Straße Politik machen, dann muss es ein Christentum des Handelns sein.

Und dieses Handeln ist dreierlei:
(1) Es ist Hören. Jesus hat sich den Menschen zu gewendet. Hat sie gehört, hat das Gespräch mit ihnen gesucht. Er hat ihr Leiden gesehen und es geheilt. Der Heilung ging die Wahrnehmung voraus.
Und das heißt für uns: Aufmerksam sein für das Leiden, für den Zweifel, für die Sorgen unserer Nachbarn. Nicht vor schnell moralisch urteilen über jene, die sich auch in unserem Stadtteil fürchten vor dem Fremden. Aber auch einmal innehalten und sagen: Auch wenn die Schlagzeilen zum Armutsbericht suggerieren, dass alles schlimmer wird: Nein! Es geht den meisten Menschen in diesem Land heute besser als noch vor 20, 30, 40 Jahren. Aber andere, die haben wirklich Not und nicht nur Neid gegenüber ein paar Menschen, die reicher als nötig sind.

(2) Es ist Neugier auf das Fremde. Jesus hat sich das Fremde vertraut gemacht. Ja, er hat die Erfahrung des Fremdseins in sich getragen. Er lehrte die Schrift und war den Schriftgelehrten und Pharisäern ein Fremder. Er war ein Flüchtling in Ägypten und blieb selbst seinen Jüngern ein geheimnisvoller Fremder. Und dennoch wendete er sich der Syrophönizerin zu und der Frau aus Samaria. Er lehrte die Feindesliebe und die Nächstenliebe.
Und für uns heißt es: Ein christliches Abendmahl gibt es nicht ohne die Option für die Fremden und die anderen, ohne die Option für die Armen und ohne die tätige Nächsten- und Feindesliebe. Progrome, Brandstifter jeder Art, Pauschalverurteilungen haben keinen Platz im christlichen Abendland. Nein, Jesus überwand die engen Grenzen seines Volkes und sein Evangelium wurde zum Evangelium auch für die Heiden und Fremden. Das Evangelium für die Völker, für Europa kam übrigens aus Syrien.
Aber auch das gehört zum biblischen Wort dazu: Die Wahrhaftigkeit. Nicht für alles gibt es einfache schnelle Lösungen. Das sollten sich die Scharfmacher bewusst machen. Der kurze, einfache Weg ist dem wandernden Gottesvolk verwehrt. Der Weg zur Ruhe und ins gelobte Land ist weit. 40 Jahre! Also keine Illusionen, aber Vertrauen: Gott schenkt uns Zuversicht und wir werden den Weg des Miteinander finden.

(3) Es ist Netzwerken. Jesus hat sich Verbündete gesucht. Er hat sich ein Netzwerk aufgebaut. Keine Helden, einfache Menschen, Menschen mit Mut und Zweifel. Aber dieses Netzwerk der Jüngerinnen und Jünger hat er ausgesendet, um die Botschaft der Liebe und Hoffnung zu verbreiten. Mit ihnen zusammen ist er zu den Menschen gegangen, zu den Zöllnern und Sündern. Manchmal waren die Jünger durchaus zögerlich, zweifelten selbst an der moralischen Rechtmäßigkeit ihres Besuchs. Aber ist es nicht der einzige Weg zum Frieden, denen das Heil und die Freundschaft an zu bieten, die verloren zu sein scheinen.
Und für uns heißt es: Ein Netz bilden. Ein Netz, das die Sorgenvollen und Ängstlichen unterstützt. Das deutlich macht: Ihr seid nicht allein. Wir teilen nicht eure Meinung, aber wir zeigen euch, dass man durch Tun und verbale Abrüstung, durch Schritte aufeinander zu, Frieden schaffen kann.
Ja, wir können uns gemeinsam engagieren und den Skeptikern und Ängstlichen, aber auch den Stumpfsinnigen zeigen: Wir schaffen das – irgendwie – und bauen am Frieden. Denn wir haben Schärfe! Die Schärfe des Christlichen kann man jeden Tag in unserem Gemeindehaus sehen. Die Freundlichkeit, die Gelassenheit, die Herzlichkeit mit denen unser Helferteam die Flüchtlinge beim Deutschkurs unterstützt hat. Sie strahlt vielfach zurück. Sie erwärmt die Herzen derer, die sich begegnen!

IV. Der Schmerz über die Schärfe ist die Quelle des Mitgefühls

Das Wort Gottes aber ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Jesus hat nicht nur die Liebe gepredigt. Er hat mit scharfen Worten und Antithesen schneidend und scheidend, ja quasi chirurgisch invasiv den Weg zum Herz frei gelegt. Er hat das Gericht angemahnt und zugleich die Gnade Gottes gezeigt. Das ist kein „mit alles, aber ohne scharf“.

„Denn Schärfe ist kein Geschmack, sondern ein Schmerz. Mit alles, aber ohne scharf, ist der Wunsch nach einem Leben mit ohne, ohne Scherben, Steine, Schrott und Schroffes, Schwarzes und Schattiges, Schluchzen, Schocks und Stolperfallen, Schrilles und Schwieriges, Schrecken und Schwere, Schatten und Schaden, Schwielen und Schwellen, Schürfwunden, Schleudertrauma, Stauchungen und Schleifspuren, Schluchten und Steilhänge, ein Leben ohne Scheiße, ohne Schuld und Sterben.“ (Quelle s.o.)

„Mit alles, aber ohne scharf!“ – das mag es im Dönerladen geben, aber nicht im Leben. Das Wort Gottes aber ist das Wort des Lebens:

Es ist das Wort der Liebe,
Das Wort der Wunder
Das Wort der Weisheit.
Das Wort vom Kreuz.

Das Wort ist scharf, es ist sogar Lamm! Jesu Ende war verstörend. Ein Opferlamm am Kreuz – Offenbarung der Schuldverstrickung des Menschen. Wir alle leben auf Kosten anderen Lebens. Das Kreuz ist Schärfe – der Schmerz, der sein muss und ohne den es das Leben nicht gibt.
Stumpfen wir nicht gegen dieses Wort ab. Erinnern wir uns lieber von Zeit zu Zeit an den Schmerz des Lebens. Es ist nicht nur unser Schmerz, es ist auch der Schmerz der Mitmenschen. Vielleicht ist dieser Schmerz der Schärfe auch die Quelle der Liebe und des Mitgefühls, der Keim der Hoffnung und der Mut zum „Wir schaffen das!“ Am Kreuz ist die Schuld gegenwärtig und überwunden zugleich.
Das wandernde Wüstenvolk – macht nicht nur schmerzliche Erfahrungen. Es erlebt auch die volle Güte des Lebens: Manna und Wachteln, so viel du brauchst. Es hört die Verheißung von Milch und Honig und es ist befreit von der Knechtschaft. Das ist doch was. Das wandernde Gottesvolk ist frei – mit Schmerz und Liebe und einem Gott an seiner Seite, der selbst am äußersten Meer noch seine Hand über dich hält und sagt: Fürchte dich nicht. Ich werde sein, der ich sein werde – ganz gewiss: Mit allem, was Leben ist.

Der vor mir beim Dönermann.
Der sagt: Mit alles, aber ohne scharf.
Und der Dönermann sagt:
Das gibt es hier nicht;
wir haben nur das Leben.

Amen.


 

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