Archiv für den Monat Juli 2020

Klimastreik für Gottes gute Ordnung?

Nachgefragt bei dem Theologen Jan Gertz

Nachhaltiges handeln sollte eigentlich das Schwerpunktthema im aktuellen Gemeindebrief der Friedensgemeinde sein, unter der Überschrift „Dem Leben zuliebe“. Wegen der Corona-Pandemie erschien dieser Gemeindebrief nicht. Alle Termine und Veranstaltungshinweise darin waren hinfällig geworden. Aber die Texte zum Schwerpunktthema sollen weiter zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.
Heute Teil 3 der Reihe.
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Weltweit, auch in Heidelberg, gehen Jugendliche freitags auf die Straße. Sie fürchten, dass ihnen durch den Klimawandel ihre Zukunft geraubt wird. In der Bibel heißt es am Ende der Noah-Geschichte unter dem Regenbogen, es sollen „Frost und Hitze, Sommer und Winter“ nicht aufhören. Ist das ein beruhigender Satz?

Prof. Jan Gertz

Wenn es darum geht, dass wir immer so weiter machen, wie bisher, dann ist der Satz sicher nicht beruhigend. Er sagt ja, dass es die naturgemäße Abfolge der Jahreszeiten geben wird, so lange die Erde steht. Das dürfte auch der Fall sein, wenn das Wasser den Menschen in vielen Gegenden der Welt bis zum Hals steht wie Noah und seinen Zeitgenossen.

Es lohnt sich, auf den Kontext zu achten. Gott gibt diese Zusage Noah und seiner Familie, die gerade die Arche verlassen haben und denen der Schreck noch in den Gliedern gesteckt haben dürfte. Sie haben in den Abgrund geschaut und als einzige ein göttliches Strafgericht überlebt. Das Beruhigende des Satzes ist, dass Gott den Menschen verspricht, er werde die Welt nicht noch einmal strafen und beinahe alles Leben auslöschen. Denn der Mensch „führt nur Böses im Schilde“. Gott verzichtet auf seinen Strafanspruch gegenüber uns schuldigen Menschen. Das finde ich beruhigend.

Das Problem, weswegen Jugendliche freitags auf demonstrieren, ist aber sicher nicht die Angst vor einem göttlichen Strafgericht, sondern eher die Einsicht, dass wir die nächste weltumspannende Katastrophe selbst herbeiführen können.

Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ ist inzwischen zum geflügelten Wort jeder Umweltpolitik geworden. Das bezieht sich auch auf die Bibel. Im zweiten Schöpfungsbericht heißt es, Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, „dass er ihn bebaute und bewahrte“. Kann man daraus heute eine Klimapolitik ableiten?

Ich finde den Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ schwierig. Er klingt biblisch, wäre aber während der Entstehungszeit der biblischen Texte von niemandem verstanden worden. Das Naturerleben der Menschen in der Antike war ein gänzlich anderes als es heute der Fall ist. Die ungeordnete Natur wurde (zu Recht) als Bedrohung wahrgenommen. Der genannte Vers handelt eher von einem Privileg, das der Mensch verloren hat mit seiner Vertreibung aus dem Garten Eden.

Dennoch ist eine nachhaltige Umwelt- und Klimapolitik für die Kirchen aktuell ein zentrales Thema. Lässt sich das biblisch-theologisch begründen?

Ich denke schon! Im ersten Schöpfungsbericht steht der viel gescholtene Herrschaftsauftrag des Menschen über Erde und Tiere. Das wirkt auf den ersten Blick wie die Aufforderung, die Erde auszubeuten. Doch der Eindruck täuscht. Vielmehr wird dem Menschen der Auftrag gegeben, die gute Ordnung von Gottes Schöpfung zu schützen. Herrschaft und Ordnung sind in der Welt Bibel positiv besetzte Begriffe. Der königliche Mensch – das sind alle Menschen egal welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts oder welchen Alters – hat als Bild Gottes eine besondere Verantwortung für die Ordnung der Welt. Und dazu gehört auch, dass wir unsere Lebensgrundlage und die unserer Nachkommen und Mitgeschöpfe nicht zerstören. Biblisch gesprochen demonstrieren die Jugendlichen freitags für Gottes gute Ordnung und gegen die Chaosmächte eines hemmungslosen Verbrauchs unserer natürlichen Ressourcen.

Prof. Dr. Jan Gertz ist Professor für Altes Testament an der Universität Heidelberg.
Die Fragen stellte Lothar Bauerochse

Die weiteren Beiträge des Schwerpunktthemas:
Editorial
Dürfen Christen SUV fahren?

Dürfen Christen SUVs fahren?

Ein Diskussionsbeitrag von Hans Diefenbacher

Nachhaltiges handeln sollte eigentlich das Schwerpunktthema im aktuellen Gemeindebrief der Friedensgemeinde sein, unter der Überschrift „Dem Leben zuliebe“. Wegen der Corona-Pandemie erschien dieser Gemeindebrief nicht. Alle Termine und Veranstaltungshinweise darin waren hinfällig geworden. Aber die Texte zum Schwerpunktthema sollen weiter zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Kommentieren Sie hier im Blog oder auf unserer Facebook-Seite.

Wenn  man die Rubriken „Sport Utility Vehicles“ (SUV) und „Geländewagen“ zusammenrechnet, dann gab es 2019 zum ersten Mal mehr als eine Million Neuzulassungen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Marktanteil betrug mehr als 30 Prozent. Trotz aller Klimaproteste ist eine Umkehr des Trends nicht erkennbar.

SUVs sind Personenkraftwagen mit erhöhter Bodenfreiheit, die das Erscheinungsbild von Geländewagen imitieren: In der Regel sind sie breiter und höher, was vor allem in engen Siedlungsgebieten und in Parkhäusern zu Problemen führt; da sie auch schwerer sind, benötigen sie im Schnitt ein Viertel bis ein Drittel mehr Kraftstoff als Mittelklasse-Limousinen, mit entsprechend höherem CO2-Ausstoß. Nach dem Energiesektor und noch vor der Luftfahrt und der Schwerindustrie oder den Lastkraftwagen haben sie seit 2010 am stärksten zum Anstieg der weltweiten Treibhausgasemissonen beigetragen.

Photo by Juan Di Nella on Unsplash

Für Fußgänger und insbesondre für Kinder wie auch für Zweiradfahrer ist das Risiko für schwere Unfälle mit SUVs höher, das Risiko für die Passagiere eines SUVs dagegen niedriger. Das Sicherheits- und Schutzbedürfnis ist ein Grund für die Kaufentscheidung bei einem SUV; eher im Unterbewussten mag auch eine Rolle spielen, dass die Fahrzeuge ein gewisses Überlegenheitsgefühl vermitteln, das Gefühl, sich in einer zunehmend aggressiveren Verkehrsumwelt entsprechend behaupten zu können. Das Design mancher SUVs könnte als Appell an diese Haltung verstanden werden. – Können Christinnen und Christen, die für die Bewahrung der Schöpfung eintreten, nun SUVs fahren oder sollten sie andere Fahrzeugen benutzen, um ihrem Bedürfnis nach Mobilität zu entsprechen?

Zwei grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen stehen hier einander gegenüber, wenn man nach Kriterien zur Beantwortung der gestellten Frage sucht: Die einen appellieren an Ethik und Moral und bemühen das „gute“ Gewissen. Die Summe der Konsumentscheidungen ist dann das Kondensat eines ökologisch korrekten Lebensstils, der oder die jeweilige Konsument oder Konsumentin ist dafür verantwortlich, den Kauf eines bestimmten Produkts nicht nur vom Preis oder der Ästhetik abhängig zu machen. Da heißt es dann, darauf zu achten, dass bestimmte Produkte mit bestimmten Labels gekennzeichnet sind, und man sollte dann aber auch den Überblick über die Vielzahl konkurrierender Kennzeichnungen behalten. Ein klares „Nein“ wäre dann vermutlich die Antwort.

Die anderen plädieren dafür, einen Rahmen für die Marktwirtschaft zu schaffen, der die problematischen Folgen der Herstellung und des Gebrauchs bestimmter Produkte – im Fachjargon: die negativen externen Effekte – schon im Preis des Produkts berücksichtigt. In einem solchen Rahmen wären die Mechanismen des Marktes intakt, das Fahren eines SUVs würde jedoch deutlich teurer, wenn alle negativen Folgen mit Kostenansätzen, die die „ökologische Wahrheit“ (E.U.v. Weizsäcker) sagen, eingepreist würden. Ein bedingtes „Ja“ wäre bei einer solchen Veränderung der relativen Preise dann die Antwort.

Ungeachtet dieser Frage sollte in jedem Fall die eigene Gestaltung der Mobilität befragt werden:

  • „Vermeiden“: Sind bestimmte Fahrten wirklich nötig?
  • „Verlagern“: Könnten Fahrten nicht durch die eigenen Füße, das Fahrrad oder durch Öffentliche Verkehrsmittel ersetzt werden?
  • „Verlangsamen“: Wird das Auto benutzt – sollten Höchstgeschwindigkeiten eingehalten beziehungsweise bei ihrem Fehlen freiwillig durch 120 km/h ersetzt werden.

Mediatipp: Die Fernsehsendung „engel fragt“ mit einer Ausgabe „Sind SUV asozial? Gehören SUV in den Innenstädten verboten oder werden SUV-Fahrer in die Ecke gedrängt“.

Weitere Beiträge zum Schwerpunktthema hier:
Editorial


https://www.tagesschau.de/wirtschaft/suv-millionen-marke-101.html

Laura Cozzi, Apostolos Petropoulos: Commentary: Growing preference for SUVs challenges emissions reductions in passenger car market, International Energy Agency am 15. Oktober 2019

https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/21939564_Interview-Was-der-SUV-Kauf-ueber-die-Kaeufer-aussagt.html

Dem Leben zuliebe. Nachhaltig handeln

Die März-Ausgabe des Gemeindebriefes war schon fix und fertig zur Drucklegung. Dann machte die Corona-Pandemie der Gemeinde einen Strich durch die Rechnung. Wenn all die Veranstaltungen, die im Gemeindebrief in aller Fülle und Vielfalt angekündigt werden, nicht stattfinden können, ist es gerade nicht nachhaltig, Geld und Zeit zu investieren für Druck und Verteilung.
Die Nummer 236 des Gemeindebriefes bleibt vorerst eine ausgefallene Ausgabe. Die Beiträge des Themenschwerpunktes behalten aber ihre Bedeutung, auch und gerade angesichts der Pandemie, selbst wenn sie alle schon vor Corona geschrieben wurden.
An dieser Stelle finden Sie deshalb in den kommenden Wochen in loser Reihe die Texte unseres Schwerpunktes: „Dem Leben zuliebe. Nachhaltig handeln.“ Und verbunden damit, hier die herzliche Einladung zur Diskussion.

Zu Beginn: Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das Titelbild der März-Ausgabe vom Gemeindebrief

in einem Sommerurlaub las ich ein Buch mit dem Titel „Zukunft wagen“. Es war das Buch eines Optimisten, der deutlich machte, wie die großen Sorgen, Nöte und Probleme der vergangenen Generationen heute kleiner geworden sind. In unseren Kellern lagern kaum noch Konservendosen als Notration für den Fall eines Atomkrieges. Es gibt weniger Hunger auf der Welt und mehr Menschen, die am Wohlstand und den Errungenschaften der so genannten westlichen Welt partizipieren können. Es sterben heute weniger Menschen durch Kriege und an schweren Krankheiten einen unzeitigen Tod. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist gestiegen. Der technische Fortschritt hat einen Großteil der Arbeitsprozesse erleichtert, optimiert und digitalisiert.

Vieles ist besser geworden. Und dennoch, die Corona-Pandemie, die wir in diesen Tagen und Wochen erleben, erinnert uns einmal mehr: Auch der größte wissenschaftliche Fortschritt schafft nicht notwendig das Gefühl größter Sicherheit und Gelassenheit.

Eigentlich könnten wir entspannt in die Zukunft schauen und dennoch hören wir die lauten Protestrufe der Jugend: „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ Laute Stimmen der oft als unpolitisch und spaßsüchtig bezeichneten „Generation Smartphone“ mahnen zur Umkehr und zu mehr Achtung der Schöpfung, zu mehr Nachhaltigkeit, zu einem Ressourcen schonenden Lebensstil – im Privaten wie in der Gesellschaft.

Und viele fangen an. Nachdenkliche Gespräche am Mittagstisch hinterfragen die Urlaubsplanung und die Notwendigkeit mancher Anschaffung. Viele kaufen bewusster ein. Bei Freizeiten nehme ich steigende Wünsche nach vegetarischem und veganem Essen wahr. Der Appell der Jugend, der an die große Politik gerichtet ist, führt bei vielen im Privaten zur Umkehr und Neuausrichtung. Es geht um einen nachhaltigen Lebensstil.

Auch in der Friedensgemeinde wird dieses Thema vielfältig diskutiert, im Ältestenkreis, im Konfirmandenunterricht, in der Erwachsenenarbeit und im Zirkus. Umkehr braucht Einsicht und Freude am Anfangen. Die Texte dieses Gemeindebriefes können daher als Geistanstöße gelesen werden, denn bei jedem Anfang gibt es auch Hürden, Rückschläge und Rückfälle. Wer aber nur Letztere sieht und resigniert, der wird kaum Zukunft wagen. Genau dieses Wagnis aber ist eine Frucht unserer christlichen Hoffnung.

Ihr Pfarrer Gunnar Garleff

Radiogottesdienst aus der Friedenskirche

Am vergangenen Sonntag übertrug der Deutschlandfunk (DLF) den Gottesdienst aus der Friedenskirche.

„Gedankenreise zu einem anderen Ufer“ – so das Thema von Pfarrerin Martina Reister-Ulrichs. Was sich dahinter verbirgt finden Sie hier auf den Seiten der evangelischen Rundfunkarbeit der EKD.

Den Gottesdienst finden Sie hier zum nachhören.

Gerne laden wir zu weiteren Gottesdiensten ein:

Am Freitag, den 10. Juli findet um 15.00 Uhr in der Kirche ein Gottesdienst für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen statt. Mit dem Lied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ lassen wir den Sommer herein. Am 7. August und am 4. September öffnet dann auch wieder das Café Oase im Gemeindehaus zum Austausch.

Am Sonntag, den 19. Juli gestalten die Zirkusgruppe und die Jugendkantorei die Gottesdienste um 9.30 Uhr und um 11.00 Uhr mit.

Am Sonntag, den 26. Juli wirkt der Kirchenchor in beiden Gottesdiensten mit. An diesem Sonntag ist dann auch zum letzten Mal vor den Sommerferien ein Kindergottesdienst um 11.00 Uhr.

Taufen sind zurzeit nur in eigenen Taufgottesdiensten möglich. Termine können über das Pfarramt vereinbart werden.