Archiv der Kategorie: Details der Bauplanung

Alte Schätze werden freigelegt

Dass die neue Friedenskirche durchaus behutsam mit ihrer Vergangenheit und Tradition umzugehen weiß, sieht man schon jetzt auf der Baustelle. Die Malerarbeiten im Haupt-Kirchenraum sind beendet. Und im Zuge dessen wurden auch die Fliesen mit dem Weinlaubmotiv an den Seitenwänden wieder freigelegt. Es stellte sich heraus, dass noch weit mehr Fliesen als ursprünglich gedacht unter dem Putz erhalten waren. Sie wurden bei der vorhergehende Renovierung 1959/60 übergeputzt. Hier ein paar Eindrücke der freigelegten Schätze:

Freigelegte Fliesen mit Weinlaub-Motiv im Seitenschiff links

Vom Boden bis etwa in Schulterhöhe reichen die Fliesen. Man findet sie in den beiden Seitenschiffen und im hinteren Bereich der Kirche umlaufend.

Auch im Eingangsbereich der Kirche sind die Fliesen erhalten und wurden freigelegt.

Die Architektur der „neuen“ Friedenskirche führt das Gespräch mit der Vergangenheit. Die neuen Bodenfliesen der Kirche nehmen den dunklen Farbton der Wandfliesen auf. Im Bereich des Taufsteins wird das Weinlaub-Motiv auch in den neuen Bodenfliesen aufgenommen. Der Gelbton vom oberen Abschluss der Wandfliesen korrespondiert mit dem hellen Farbton der Kirche insgesamt und dem Farbton der Stufenanlage.

Wollen Sie mal einen Blick durch’s Schlüsselloch werfen? In den nächsten Wochen und Monaten wird es immer wieder sonntags nach dem Gottesdienst kleine „Baustellenbesichtigungen“ geben. Die erste in knapp zwei Wochen: Am Sonntag, 4. Dezember, nach dem Gottesdienst im Gemeindehaus, also ca. 11.15 Uhr. Kommen Sie und schauen Sie, wie sich die Friedenskirche schon verändert hat!

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Wenn einer eine Reise tut…

… dann kann er was entdecken. Mitglieder der Kantorei der Friedenskirche sind derzeit im Rahmen einer Konzertreise in Stockholm, Schweden. Am Donnerstag, 23. Juni, am Vorabend von Mittsommernacht, singt die Kantorei ein Konzert in der Sofienkirche im Stadtteil Södermalm. Was wir alle nicht wussten und am Mittwoch bei der ersten Probe erstaunt entdeckten: Die Sofienkirche in Stockholm ist wie eine große Schwester der Friedenskirche in Handschuhsheim. Außer dass die Orgel hinten ist, gleichen sich beide Kirchen in zahlreichen Details.

Die Sofiakirche in Stockholm, Schweden

Die Sofiakirche ist ein ebenfalls Zentralbau mit Emporen an den Seiten und über dem Eingang. Die Aufgänge zu den Emporen sind wie in der Handschuhsheimer Friedenskirche über vier Treppenhäuser. Und wie in der Friedenskirche gibt es über dem Eingang ein großes buntes Glasfenster.

Offenkundig hat sich die Gemeinde bei ihrer letzten Renovierung, die sicher schon ein paar Jahre zurückliegt, ebenfalls dafür entschieden, die frontale Sitzordnung aufzugeben und den Altar mehr in die Mitte des Kirchenraums zu rücken. Die Gemeinde versammelt sich (mit viel Platz) rund um den Altar.

In der Sofiakirche in Stockholm versammelt sich die Gemeinde um den Altar

Man sieht aber auch: Ohne gestalterische Idee bleibt der bisherige Altarraum einfach leer. Immerhin hat man noch den alten Altar an der Wand erhalten. Aber wo liegt jetzt das orientierende Kraftzentrum im Kirchenraum? Der neue Altar wirkt schwach. Im früheren Altarraum liegt unvermittelt ein Teppich. Eine Verlegenheitslösung, um die Leere zu füllen?

Man sieht hier am konkreten Beispiel, was bei den Diskussionen um die neue Friedenskirche immer wieder von den Architekten und dem Ältestenkreis betont wurde: Wenn man sich entscheidet, den Altar in die Mitte zu stellen, dann muss der entstehende Leerraum gestaltet werden. Das tut in der neuen Friedenskirche die Stufenanlage als Ort der Verkündigung.

Und außerdem: Man achte auf den Taufstein. Auch in der Sofiakirche Stockholm hat man offenkundig den „alten“ Taufstein erhalten. Aber richtig in die Mitte rücken wollte man ihn offenkundig nicht. Nun steht er etwas unschlüssig halbrechts vor einer Sitzbank. Eine halbherzige Lösung.

Am Beispiel der Sofiakirche in Stockholm zeigt sich, wie wichtig es ist, bei einer Kirchenrenovierung auf die Schlüssigkeit des theologischen und liturgischen Konzepts zu achten.

Der Altarraum der Sofiakirche

Es geht weiter!

Nach Verschnauf- und Osterpause geht nun die Planungsarbeit für die Innenrenovierung der Friedenskirche wieder weiter. Zweimal hat sich der Baukreis „am Modell“ getroffen. Zunächst ging es noch einmal um die genauen Maße der Stufenanlage, die ja im Vergleich zum Modell sowohl seitlich als auch nach vorne hin etwas schmaler bzw. kürzer werden soll. Seitlich sollen die Einfassungen der beiden Türen in der Altarwand vollständig frei sichtbar sein, nach vorne hin soll das Altarpodest um ca. 30 cm zurückgenommen werden. Auch die zahlreichen Rückmeldungen und persönlichen Erfahrungen aus den Baustellenführungen mit ihren Gottesdiensten wurden ausgewertet und besprochen. (Davon werden wir hier noch einiges gesondert veröffentlichen)

Zentrales Thema ist derzeit aber die Gestaltung der Prinzipalien, also vor allem Altar und Kanzel, dazu der Taufstein und das Kreuz. Ein intensiver Austausch über theologische, liturgische, architektonische und künstlerische Fragen.

Bisherige Planungsvorgabe war: Altar und Kanzel sollen „gewichtig“ sein, aber sie sollen bei Bedarf auch transportabel sein, um etwa Platz zu schaffen für einen Chor und großes Orchester. Aber was heißt das für die konkrete Gestaltung?

Architekt Armin Schäfer von der Wieblinger Architekten-ag stellt den Baukreis-Mitgliedern Konzepte und Materialien für Altar und Kanzel vor

Möglichst präzise haben die Mitglieder des Baukreises mit den beiden Pfarrern versucht, Erwartungen, Anforderungen und Vorstellungen in Worte zu fassen. Architekt Schäfer präsentierte zwei unterschiedliche Lösungsansätze. Wie „leicht“, wie transparent kann oder darf ein Altar sein? Ist der Altar an sich ein heiliger Ort oder nur dann, wenn ein Liturg an ihm wirkt und die Gemeinde Gottesdienst feiert? Was ist mit dem Kirchenraum, wenn der Altar hinausgetragen wird?

Begriffe wie: ernst, warm, wertig, freundlich, kraftvoll, konzentrierend werden in der Runde erwogen. Einladend soll der Altar sein, die Gemeinde feiert um seine Mitte Gottesdienst. Aber er soll auch Kraft ausstrahlen und die Würde des Raums repräsentieren, wenn nur ein einzelner Besucher unter der Woche den Kirchenraum aufsucht.

Material- und Farbproben, Skizzen, Beschreibungen: Liturgische, künstlerische und architektonische Aspekte zur Gestaltung von Altar und Kanzel, Taufstein und Altar.

Was befindet sich eigentlich – alltags wie bei Gottesdiensten – auf dem Altar? Die Bibel, Kerzen. Blumen? Das Abendmahlsgeschirr. Wie kommen die liturgischen Farben des Kirchenjahres vor?

Dunkle Bodenfliesen, helle Altarstufe, Holz, Textil: Farb- und Materialproben

Nach mehr als fünfstündigen Gesprächen in zwei Sitzungen ist die Rolle des Altars gut umschrieben. Jetzt steht eine ähnliche Klärung an für die Kanzel, für die künstlerische Gestaltung der Stufenanlage sowie für den „Ort der Stille“ im Eingangsbereich der Kirche an. Erst wenn die gesamte Stufenanlage mit Altar und Kanzel sowie Kreuz ausreichend beschrieben ist, reden wir über konkrete Gestaltungsvorschläge. Damit die neue Friedenskirche ein einheitlicher geistlicher Raum wird – einladend und stärkend.

Der unmittelbar nächste Schritt steht aber nun an: Das Modell der Stufenanlage wird jetzt abgebaut.

„Welche Kraft der Ort bereits hat…“

Jürgen Schlechtendahl ist Leiter des Bereiches Kirchenbau im Evangelischen Oberkirchenrat in Karlsruhe. Er begleitet die Renovierung der Friedenskirche schon lange, war Teilnehmer am Runden Tisch bei der Dekanin. Er gehörte 2007 zum Auswahlgremium beim Architektenauswahlverfahren.

Jetzt hat auch er das Stufenmodell in der Friedenskirche angeschaut und seine Eindrücke wie folgt zusammengefasst:

„Ich bin den Weg vor der Kirche und in die Kirche bewusst langsam gegangen, um deutlicher wahrzunehmen, was auf diesem Weg mit mir selber passiert. Meine Empfindung war, der neue Altar zentriert, er konzentriert den Blick und richtet das Augenmerk auf ihn. Er sammelt. Oberkirchenrat Nüchtern hat einmal gesagt, ein heiliger Raum muß auch „erschrecken“. Ich war tatsächlich ein wenig erschrocken, welche Kraft dieser Ort bereits in OSB-Ausführung hat. Bitte verstehen Sie das als ein ausdrückliches Kompliment an die Architekten.

Diese Zentrierung ist neu in Ihrer Kirche, die bisher vor allem den Blick nach oben geleiten wollte. Richtigerweise wird sie durch eine zurückhaltende, reduzierte Farbgebung unterstützt. Ich habe mir auch nochmal das Juryprotokoll von 2007 durchgelesen. Wir haben eine solche Wirkung offenbar ja damals schon erhofft, zumindest gibt es leise Anklänge dazu auch in der Bewertung des Entwurfs. Es ist sehr erfreulich, dies nun bestätigt zu bekommen.

Ich wünsche Ihnen einen guten Bauverlauf!“

Die Friedenskirche findet eine neue Mitte

Treppe zu kurz?

Bei den jüngsten Baustellenführungen ist vereinzelt kritisch angemerkt worden, dass nur die Stufenanlage im Altarraum im Modell dargestellt ist, aber nicht die Stufen auf der Orgelempore.

Dass dies so ist, dafür gibt es technische Gründe: Schon bisher gab es auf der Orgelempore Stufen. Bei der Renovierung vor 50 Jahren wurde das Niveau dieser Stufen angehoben. Bei der anstehenden Renovierung sollen sie wieder auf ihr ursprüngliches Maß zurückgeführt werden.

Das heißt aber, die neuen Stufen liegen tiefer als die jetzigen. Wollte man sie im Modell darstellen, müsste man die bisherigen Stufen auf der Orgelempore abreißen und entfernen.

Diese Stufen  werden aber während der weiteren Bauphase benötigt. Ohne die Stufen sind die notwendigen Arbeiten an den Wänden und Decken nicht möglich, denn der Untergrund ermöglicht nicht die Aufstellung eines Gerüsts. Deshalb kann die Stufenanlage nicht bis zur Orgel weitergeführt werden. Das war auch nie geplant.

Es ist jedoch irreführend, wenn jetzt behauptet wird, auf das jetzige Modell käme noch einmal ein Drittel oben drauf. Es sind tatsächlich für den Betrachter noch zwei(!) weitere Stufen sichtbar. Die haben das gleiche Maß wie die Stufen des Modells. Dann kommt für den Betrachter das Rückpositiv der Orgel. Insgesamt gibt es auf der Orgelempore vier Stufen, die sich aber seitlich des Rückpositivs und der Orgel befinden und teilweise hinter den Mauervorsprüngen verschwinden. Es ist also keineswegs das Monstrum, das jetzt in einigen Kommentaren beschworen wird.

Die neue Vielfalt der Friedenskirche (Teil 3)

Zur Vorstellung der neuen Raumsituation in der renovierten Friedenskirche zeigen wir Ihnen heute die Variante für große Gottesdienste oder sonstige große Veranstaltungen. Konfirmationsgottesdienste zum Beispiel. Und natürlich auch Weihnachten. Die Situationen also, in denen die Kirche voll bestuhlt ist.

In dieser Variante bietet die Friedenskirche im Erdgeschoss 420 Plätze. Damit lässt sich auch die Frage beantworten, wie viele Sitzplätze durch die Neugestaltung verloren gehen. Im Moment zählen wir im Erdgeschoss der Kirche knapp 460 Sitzplätze.

Große Gottesdienste in der Friedenskirche

Die Bänke auf den Emporen der Kirche bleiben unverändert. Sie werden nur farblich auf die hellere Farbgebung im Kirchenraum angepasst. Und wir werden versuchen, das Knarren der Holzböden auf den Emporen so weit wie möglich zu beseitigen.

Die neue Friedenskirche – ein Ort für die feiernde Gemeinde

Es ist bekannt, dass der Architekt der Friedenskirche in Heidelberg-Handschuhsheim, der großherzoglich badische Oberbaurat Karl Hermann Behaghel (1839-1921), die Kirche entsprechend dem so genannten „Wiesbadener Programm“ entworfen hat. Dieses Kirchenbauprogramm, erstmals in der Wiesbadener Ringkirche verwirklicht, war ein dezidiert reformerischer Ansatz.

Die vier Grundthesen des Wiesbadener Programms lauten:

  1. Die Kirche soll im allgemeinen das Gepräge eines Versammlungshauses der feiernden Gemeinde, nicht dasjenige eines Gotteshauses im katholischen Sinne an sich tragen.
  2. Der Einheit der Gemeinde und dem Grundsatze des allgemeinen Priesterthums soll durch die Einheitlichkeit des Raums Ausdruck gegeben werden. Eine Theilung des letzteren in mehrere Schiffe sowie eine Scheidung zwischen Schiff und Chor darf nicht stattfinden.
  3. Die Feier des Abendmahls soll sich nicht in einem abgesonderten Raume, sondern inmitten der Gemeinde vollziehen. Der mit einem Umgang zu versehende Altar muss daher, wenigstens symbolisch, eine entsprechende Stellung erhalten. Alle Sehlinien sollen auf denselben hinleiten.
  4. Die Kanzel, als derjenige Ort, an welchem Christus als geistige Speise der Gemeinde dargeboten wird, ist mindestens als dem Altar gleichwerthig zu behandeln. Sie soll ihre Stelle hinter dem letzteren erhalten und mit der im Angesicht der Gemeinde anzuordnenden Orgel- und Sängerbühne organisch verbunden werden.

Es ist bemerkenswert, dass Behaghel die Friedenskirche zwar als Zentralbau entwickelt hat. In der Anordnung der Gemeinde und der Ausrichtung der Kirche ist er aber doch dem alten Grundriss der Kathedrale oder Basilika verhaftet geblieben.

Mit der Renovierung wird sich das nun ändern. Das Konzept für die neue Friedenskirche sieht vor, dass sich die feiernde Gemeinde um den Altar versammelt. In der neuen Friedenskirche wird die Feier des Abendmahls tatsächlich sich „inmitten der Gemeinde vollziehen“ – was bisher nicht möglich ist. Und wie in These 4 gefordert, werden mit der neuen Stufenanlage erstmals wieder Altar, Kanzel und Orgel „organisch verbunden“.

Das Konzept der neuen Friedenskirche geht behutsam mit der Vergangenheit und Tradition der Friedenskirche um und stärkt den Raum als einen zeitgemäßen Gottesdienstraum.

Grundriss EG