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Klimastreik für Gottes gute Ordnung?

Nachgefragt bei dem Theologen Jan Gertz

Nachhaltiges handeln sollte eigentlich das Schwerpunktthema im aktuellen Gemeindebrief der Friedensgemeinde sein, unter der Überschrift „Dem Leben zuliebe“. Wegen der Corona-Pandemie erschien dieser Gemeindebrief nicht. Alle Termine und Veranstaltungshinweise darin waren hinfällig geworden. Aber die Texte zum Schwerpunktthema sollen weiter zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.
Heute Teil 3 der Reihe.
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Weltweit, auch in Heidelberg, gehen Jugendliche freitags auf die Straße. Sie fürchten, dass ihnen durch den Klimawandel ihre Zukunft geraubt wird. In der Bibel heißt es am Ende der Noah-Geschichte unter dem Regenbogen, es sollen „Frost und Hitze, Sommer und Winter“ nicht aufhören. Ist das ein beruhigender Satz?

Prof. Jan Gertz

Wenn es darum geht, dass wir immer so weiter machen, wie bisher, dann ist der Satz sicher nicht beruhigend. Er sagt ja, dass es die naturgemäße Abfolge der Jahreszeiten geben wird, so lange die Erde steht. Das dürfte auch der Fall sein, wenn das Wasser den Menschen in vielen Gegenden der Welt bis zum Hals steht wie Noah und seinen Zeitgenossen.

Es lohnt sich, auf den Kontext zu achten. Gott gibt diese Zusage Noah und seiner Familie, die gerade die Arche verlassen haben und denen der Schreck noch in den Gliedern gesteckt haben dürfte. Sie haben in den Abgrund geschaut und als einzige ein göttliches Strafgericht überlebt. Das Beruhigende des Satzes ist, dass Gott den Menschen verspricht, er werde die Welt nicht noch einmal strafen und beinahe alles Leben auslöschen. Denn der Mensch „führt nur Böses im Schilde“. Gott verzichtet auf seinen Strafanspruch gegenüber uns schuldigen Menschen. Das finde ich beruhigend.

Das Problem, weswegen Jugendliche freitags auf demonstrieren, ist aber sicher nicht die Angst vor einem göttlichen Strafgericht, sondern eher die Einsicht, dass wir die nächste weltumspannende Katastrophe selbst herbeiführen können.

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Der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ ist inzwischen zum geflügelten Wort jeder Umweltpolitik geworden. Das bezieht sich auch auf die Bibel. Im zweiten Schöpfungsbericht heißt es, Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, „dass er ihn bebaute und bewahrte“. Kann man daraus heute eine Klimapolitik ableiten?

Ich finde den Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ schwierig. Er klingt biblisch, wäre aber während der Entstehungszeit der biblischen Texte von niemandem verstanden worden. Das Naturerleben der Menschen in der Antike war ein gänzlich anderes als es heute der Fall ist. Die ungeordnete Natur wurde (zu Recht) als Bedrohung wahrgenommen. Der genannte Vers handelt eher von einem Privileg, das der Mensch verloren hat mit seiner Vertreibung aus dem Garten Eden.

Dennoch ist eine nachhaltige Umwelt- und Klimapolitik für die Kirchen aktuell ein zentrales Thema. Lässt sich das biblisch-theologisch begründen?

Ich denke schon! Im ersten Schöpfungsbericht steht der viel gescholtene Herrschaftsauftrag des Menschen über Erde und Tiere. Das wirkt auf den ersten Blick wie die Aufforderung, die Erde auszubeuten. Doch der Eindruck täuscht. Vielmehr wird dem Menschen der Auftrag gegeben, die gute Ordnung von Gottes Schöpfung zu schützen. Herrschaft und Ordnung sind in der Welt Bibel positiv besetzte Begriffe. Der königliche Mensch – das sind alle Menschen egal welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts oder welchen Alters – hat als Bild Gottes eine besondere Verantwortung für die Ordnung der Welt. Und dazu gehört auch, dass wir unsere Lebensgrundlage und die unserer Nachkommen und Mitgeschöpfe nicht zerstören. Biblisch gesprochen demonstrieren die Jugendlichen freitags für Gottes gute Ordnung und gegen die Chaosmächte eines hemmungslosen Verbrauchs unserer natürlichen Ressourcen.

Prof. Dr. Jan Gertz ist Professor für Altes Testament an der Universität Heidelberg.
Die Fragen stellte Lothar Bauerochse

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