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Dürfen Christen SUVs fahren?

Ein Diskussionsbeitrag von Hans Diefenbacher

Nachhaltiges handeln sollte eigentlich das Schwerpunktthema im aktuellen Gemeindebrief der Friedensgemeinde sein, unter der Überschrift „Dem Leben zuliebe“. Wegen der Corona-Pandemie erschien dieser Gemeindebrief nicht. Alle Termine und Veranstaltungshinweise darin waren hinfällig geworden. Aber die Texte zum Schwerpunktthema sollen weiter zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Kommentieren Sie hier im Blog oder auf unserer Facebook-Seite.

Wenn  man die Rubriken „Sport Utility Vehicles“ (SUV) und „Geländewagen“ zusammenrechnet, dann gab es 2019 zum ersten Mal mehr als eine Million Neuzulassungen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Marktanteil betrug mehr als 30 Prozent. Trotz aller Klimaproteste ist eine Umkehr des Trends nicht erkennbar.

SUVs sind Personenkraftwagen mit erhöhter Bodenfreiheit, die das Erscheinungsbild von Geländewagen imitieren: In der Regel sind sie breiter und höher, was vor allem in engen Siedlungsgebieten und in Parkhäusern zu Problemen führt; da sie auch schwerer sind, benötigen sie im Schnitt ein Viertel bis ein Drittel mehr Kraftstoff als Mittelklasse-Limousinen, mit entsprechend höherem CO2-Ausstoß. Nach dem Energiesektor und noch vor der Luftfahrt und der Schwerindustrie oder den Lastkraftwagen haben sie seit 2010 am stärksten zum Anstieg der weltweiten Treibhausgasemissonen beigetragen.

Photo by Juan Di Nella on Unsplash

Für Fußgänger und insbesondre für Kinder wie auch für Zweiradfahrer ist das Risiko für schwere Unfälle mit SUVs höher, das Risiko für die Passagiere eines SUVs dagegen niedriger. Das Sicherheits- und Schutzbedürfnis ist ein Grund für die Kaufentscheidung bei einem SUV; eher im Unterbewussten mag auch eine Rolle spielen, dass die Fahrzeuge ein gewisses Überlegenheitsgefühl vermitteln, das Gefühl, sich in einer zunehmend aggressiveren Verkehrsumwelt entsprechend behaupten zu können. Das Design mancher SUVs könnte als Appell an diese Haltung verstanden werden. – Können Christinnen und Christen, die für die Bewahrung der Schöpfung eintreten, nun SUVs fahren oder sollten sie andere Fahrzeugen benutzen, um ihrem Bedürfnis nach Mobilität zu entsprechen?

Zwei grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen stehen hier einander gegenüber, wenn man nach Kriterien zur Beantwortung der gestellten Frage sucht: Die einen appellieren an Ethik und Moral und bemühen das „gute“ Gewissen. Die Summe der Konsumentscheidungen ist dann das Kondensat eines ökologisch korrekten Lebensstils, der oder die jeweilige Konsument oder Konsumentin ist dafür verantwortlich, den Kauf eines bestimmten Produkts nicht nur vom Preis oder der Ästhetik abhängig zu machen. Da heißt es dann, darauf zu achten, dass bestimmte Produkte mit bestimmten Labels gekennzeichnet sind, und man sollte dann aber auch den Überblick über die Vielzahl konkurrierender Kennzeichnungen behalten. Ein klares „Nein“ wäre dann vermutlich die Antwort.

Die anderen plädieren dafür, einen Rahmen für die Marktwirtschaft zu schaffen, der die problematischen Folgen der Herstellung und des Gebrauchs bestimmter Produkte – im Fachjargon: die negativen externen Effekte – schon im Preis des Produkts berücksichtigt. In einem solchen Rahmen wären die Mechanismen des Marktes intakt, das Fahren eines SUVs würde jedoch deutlich teurer, wenn alle negativen Folgen mit Kostenansätzen, die die „ökologische Wahrheit“ (E.U.v. Weizsäcker) sagen, eingepreist würden. Ein bedingtes „Ja“ wäre bei einer solchen Veränderung der relativen Preise dann die Antwort.

Ungeachtet dieser Frage sollte in jedem Fall die eigene Gestaltung der Mobilität befragt werden:

  • „Vermeiden“: Sind bestimmte Fahrten wirklich nötig?
  • „Verlagern“: Könnten Fahrten nicht durch die eigenen Füße, das Fahrrad oder durch Öffentliche Verkehrsmittel ersetzt werden?
  • „Verlangsamen“: Wird das Auto benutzt – sollten Höchstgeschwindigkeiten eingehalten beziehungsweise bei ihrem Fehlen freiwillig durch 120 km/h ersetzt werden.

Mediatipp: Die Fernsehsendung „engel fragt“ mit einer Ausgabe „Sind SUV asozial? Gehören SUV in den Innenstädten verboten oder werden SUV-Fahrer in die Ecke gedrängt“.

Weitere Beiträge zum Schwerpunktthema hier:
Editorial


https://www.tagesschau.de/wirtschaft/suv-millionen-marke-101.html

Laura Cozzi, Apostolos Petropoulos: Commentary: Growing preference for SUVs challenges emissions reductions in passenger car market, International Energy Agency am 15. Oktober 2019

https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/21939564_Interview-Was-der-SUV-Kauf-ueber-die-Kaeufer-aussagt.html

Dem Leben zuliebe. Nachhaltig handeln

Die März-Ausgabe des Gemeindebriefes war schon fix und fertig zur Drucklegung. Dann machte die Corona-Pandemie der Gemeinde einen Strich durch die Rechnung. Wenn all die Veranstaltungen, die im Gemeindebrief in aller Fülle und Vielfalt angekündigt werden, nicht stattfinden können, ist es gerade nicht nachhaltig, Geld und Zeit zu investieren für Druck und Verteilung.
Die Nummer 236 des Gemeindebriefes bleibt vorerst eine ausgefallene Ausgabe. Die Beiträge des Themenschwerpunktes behalten aber ihre Bedeutung, auch und gerade angesichts der Pandemie, selbst wenn sie alle schon vor Corona geschrieben wurden.
An dieser Stelle finden Sie deshalb in den kommenden Wochen in loser Reihe die Texte unseres Schwerpunktes: „Dem Leben zuliebe. Nachhaltig handeln.“ Und verbunden damit, hier die herzliche Einladung zur Diskussion.

Zu Beginn: Editorial

Liebe Leserin, lieber Leser,

Das Titelbild der März-Ausgabe vom Gemeindebrief

in einem Sommerurlaub las ich ein Buch mit dem Titel „Zukunft wagen“. Es war das Buch eines Optimisten, der deutlich machte, wie die großen Sorgen, Nöte und Probleme der vergangenen Generationen heute kleiner geworden sind. In unseren Kellern lagern kaum noch Konservendosen als Notration für den Fall eines Atomkrieges. Es gibt weniger Hunger auf der Welt und mehr Menschen, die am Wohlstand und den Errungenschaften der so genannten westlichen Welt partizipieren können. Es sterben heute weniger Menschen durch Kriege und an schweren Krankheiten einen unzeitigen Tod. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist gestiegen. Der technische Fortschritt hat einen Großteil der Arbeitsprozesse erleichtert, optimiert und digitalisiert.

Vieles ist besser geworden. Und dennoch, die Corona-Pandemie, die wir in diesen Tagen und Wochen erleben, erinnert uns einmal mehr: Auch der größte wissenschaftliche Fortschritt schafft nicht notwendig das Gefühl größter Sicherheit und Gelassenheit.

Eigentlich könnten wir entspannt in die Zukunft schauen und dennoch hören wir die lauten Protestrufe der Jugend: „Wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“ Laute Stimmen der oft als unpolitisch und spaßsüchtig bezeichneten „Generation Smartphone“ mahnen zur Umkehr und zu mehr Achtung der Schöpfung, zu mehr Nachhaltigkeit, zu einem Ressourcen schonenden Lebensstil – im Privaten wie in der Gesellschaft.

Und viele fangen an. Nachdenkliche Gespräche am Mittagstisch hinterfragen die Urlaubsplanung und die Notwendigkeit mancher Anschaffung. Viele kaufen bewusster ein. Bei Freizeiten nehme ich steigende Wünsche nach vegetarischem und veganem Essen wahr. Der Appell der Jugend, der an die große Politik gerichtet ist, führt bei vielen im Privaten zur Umkehr und Neuausrichtung. Es geht um einen nachhaltigen Lebensstil.

Auch in der Friedensgemeinde wird dieses Thema vielfältig diskutiert, im Ältestenkreis, im Konfirmandenunterricht, in der Erwachsenenarbeit und im Zirkus. Umkehr braucht Einsicht und Freude am Anfangen. Die Texte dieses Gemeindebriefes können daher als Geistanstöße gelesen werden, denn bei jedem Anfang gibt es auch Hürden, Rückschläge und Rückfälle. Wer aber nur Letztere sieht und resigniert, der wird kaum Zukunft wagen. Genau dieses Wagnis aber ist eine Frucht unserer christlichen Hoffnung.

Ihr Pfarrer Gunnar Garleff