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Passion: Auch die Glocken halten still

Von Martina Reister-Ulrichs

Eine Glocke der Friedenskirche. Ab heute schweigt sie

Die Glocken schweigen. Zum letzten Mal läuten Sie heute Abend um 19.00 Uhr den Gottesdienst zum Gründonnerstag ein. Wir treffen uns zu einem gemeinsamen Abendessen in der Kirche. Wo sonst Menschen in Stuhlreihen das gottesdienstliche Geschehen verfolgen, sind lange Tische festlich gedeckt. Käse und Oliven, Trauben und Datteln, Brot, Wasser und Wein. So soll es sein. Wie an dem Abend, an dem Jesus verraten wurde.

Ein denkwürdiger Abend. Die Passionsgeschichte beginnt. Jesus nimmt Abschied. Und er schenkt seinen Jüngern eine neue Form seiner Gegenwart. Bis zum heutigen Tag versuchen wir, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen und die Worte und Gesten jenes Abends zu begreifen: Dieses Brot, es ist mein Leib. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Die Geschichte des Abendmahls beginnt. Auch wir feiern das Abendmahl zur Erinnerung an diesen Abend.

Die Glocken schweigen, wenn wir auseinandergehen. Eine lange Nacht beginnt. Während wir schlafen wie die Jünger am Ölberg, wird Jesus verraten, verhaftet, verleugnet. Verspottet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Wenn wir am Karfreitag um 10.00 Uhr wieder in der Kirche zusammen kommen, gedenken wir der Todesstunde, in der Jesus am Kreuz hängt und stirbt. Eines der eindrücklichsten Passionsbilder wird uns vor Augen führen, was da geschehen ist: Das Altarbild des Isenheimer Altars von Lucas Cranach. Wir setzen uns dem aus. Wir schauen genau hin. Und wir feiern im Abendmahl das Unbegreifliche, dass Christus für uns gestorben ist.

Nach dem Gründonnerstags-Gottesdienst schweigen die Glocken über Handschuhsheim

Die Glocken schweigen noch immer. Sie schweigen den ganzen Tag und die ganze Nacht und noch einmal einen ganzen Tag und eine ganze Nacht. Jesus wird begraben. Die Jünger sind geflohen und in alle Winde zerstreut. Die Frauen seines Lebens weinen. Die ganze Welt hält den Atem an. Hinab gestiegen in das Reich des Todes. So sagen wir im Glaubensbekenntnis.

Dann kommt der Ostermorgen. Vor Sonnenaufgang müssen Sie sich aufmachen, wenn Sie mit uns dem Wunder begegnen wollen. Vor der Kirche brennt schon das Osterfeuer. Die Kirche selbst liegt im Dunkeln. Noch schweigen die Glocken. Um 5.30 Uhr betreten Frauen den Raum. Sie kommen von weit. Sie kommen von dort, wo ein Engel ihnen Unglaubliches verkündet hat. Die brennende Osterkerze lässt ahnen, was geschehen ist, was geschehen wird: Christus, das Licht! ruft eine Stimme. Gelobt sei Gott! antwortet die Gemeinde. Drei Mal, weil einmal gewiss nicht genügt, um es zu begreifen. Das Licht breitet sich aus, vertreibt die Dunkelheit, Sie halten es selbst in Händen. Christus, das Licht. Wir hören die Lesungen vom Licht am Schöpfungsmorgen, vom Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei, von Gottes belebendem Geist auf den Totenäckern der Welt. Sie bereiten den Boden für das, was kommt. Für den, der kommt.

Die fünf Glocken der Friedenskirche

Dann setzen die Glocken ein. Eine nach der andern, volles Geläut. Sie läuten die Auferstehung ein, den Sieg des Lebens über den Tod, sie tragen die Botschaft in alle Welt hinaus: Christ ist erstanden von der Marter alle. Des solln wir alle froh sein, Christ will unser Trost sein. Halleluja!

Und dann läuten sie wieder. Die Gebetsglocke, wenn das Vater unser gebetet wird. Die Segensglocke, wenn Menschen gesegnet werden. Die Totenglocke, wenn Menschen begraben werden. Die Mittagsglocke, wenn der Tag seiner Höhe nah ist und zum Frieden mahnt. Die Abendglocke, wenn der Tag sich neigt und die Lasten leichter werden. Und alle Glocken, wenn wir Gottesdienst feiern, jeden Sonntag um zehn, jeden Sonntag aufs Neue, jeden Sonntag ein kleines Osterfest, jeden Sonntag Auferstehung.

Hörst du nicht die Glocken? Hör sie nach Ostern ganz neu. Hör, wovon Sie künden. Hör, woran sie Dich erinnern und wozu sie Dich rufen. Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden!